- 23. März 2026
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Demokratiegeschichte von unten nach oben
Zeitlebens kämpfte Yılmaz Karahasan (1938-2023) für Respekt und Gleichberechtigung. Er trug entscheidend dazu bei, dass sich zahlreiche migrantische Arbeitskräfte selbstbewusst gewerkschaftlich einbrachten. Er engagierte sich in den Institutionen der Bundesrepublik, bei Streiks und Protesten sowie der migrantischen Selbstorganisation und gestaltete so die Demokratie der Einwanderungsgesellschaft mit. Sein herausragender Werdegang machte ihn zum Pionier für die Integration der sogenannten „Gastarbeiter“ in die bundesdeutsche Gesellschaft. 2012 wurde er dafür mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.
Karahasans Biografie zeigt, wie Arbeitsmigration und Gewerkschaften die Geschichte der deutschen Demokratie seit den 1960er Jahren prägten. Die Perspektive der „Gastarbeiter“ selbst bleibt dabei häufig unbeachtet. Karahasan brachte diesen Umstand auf einer SPD-Veranstaltung selbst auf den Punkt: „Ich sage seit über 20 Jahren: Ich bin ein Frankfurter, und kein Mensch nimmt Notiz davon.“[1] 70 Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen 1955 ist es Zeit, dass die Forschung dieses Desiderat endlich behebt.
Yılmaz Karahasan wurde 1938 in Kilimli, einem Bergbaugebiet an der türkischen Schwarzmeerküste geboren. Der gewerkschaftliche Kampfgeist wurde ihm bereits in die Wiege gelegt: Sein Vater war Mitgründer der türkischen Bergarbeitergewerkschaft. Trotz der Reformen nach westeuropäischem Vorbild unter Präsident Mustafa Kemal Atatürk glich gewerkschaftliche Arbeit in der noch jungen Republik Türkei „einem Spaziergang auf Minenfeldern.“[2] Am Istanbuler Knabeninstitut für Handwerk und Gewerbe lernte Yılmaz Karahasan Elektrotechnik und arbeitete anschließend unter Tage in der Bergbauhochburg Zonguldak. 1958 warb ihn die Firma Siemens als Elektromonteur an.
Ausländische Arbeitskräfte für das „deutsche“ Wirtschaftswunder
Das hatte Gründe: In der Bundesrepublik stieg der Bedarf an Arbeitskräften durch den Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre rapide an. Unternehmensverbände warben daher im Ausland um Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter. 1961 schloss die Bundesrepublik ein Anwerbeabkommen mit der Türkei als Teil von insgesamt acht Abkommen zwischen 1955 und 1968.Für die angeworbenen Arbeitskräfte bürgerte sich bald der heute umstrittene Begriff „Gastarbeiter“ ein: Vorgesehen war eine zeitlich befristete Tätigkeit mit anschließender Rückkehr in die Herkunftsländer. Beschäftigt wurden sie vor allem für unqualifizierte und besonders anstrengende Arbeit in der Industrie und am Fließband – obwohl gerade die türkischen Arbeitskräfte wegen ihrer hohen Ausbildungsquote besonders gefragt waren. „Die migrantische Unterschicht ist auch gemacht worden“, so die Migrationshistorikerin Karin Hunn. Ohne die rund 14 Millionen „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ wäre das bis heute viel beschworene, in Teilen auch mythisierte „deutsche“ Wirtschaftswunder nicht möglich gewesen.
Kein klassischer „Gastarbeiter“
Yılmaz Karahasan war jedoch kein klassischer „Gastarbeiter“. Als er drei Jahre vor dem offiziellen Anwerbeabkommen für Siemens in die Oberpfalz kam, fasste er dort schnell Fuß im Betrieb. Dort war er der erste Nicht-Deutsche in seiner Abteilung.
Ich war damals die lokale Attraktion in Amberg. […] Einen Türken hatte noch keiner aus der Nähe gesehen. Nach Feierabend setzte ich mich mit meinen deutschen Kollegen in die Kneipe, erzählte ihnen von meinem Land.
Nach dem türkischen Militärdienst kehrte er nach Deutschland zurück und trat der IG Metall (IGM) sowie der SPD bei. Auch heiratete er seine Kollegin Marianne Schildbach. So wurde Karahasan früh Teil der gewerkschaftlichen und parteilichen Strukturen der Bundesrepublik.
1962 wechselte er zu den Kölner Ford-Werken, wo mittlerweile an die 2.500 türkeistämmige Arbeitskräfte beschäftigt waren. Wegen der harten Arbeitsbedingungen führte die IGM damals das Erschließungsprojekt „Ford-Aktion“ durch, um die Gewerkschaft vor Ort zu stärken. Karahasan schloss sich dieser Mobilisierung an und begann, die türkeistämmigen Kolleginnen und Kollegen zu organisieren.
Ich habe innerhalb von vier Wochen 1.000 türkische Arbeitnehmer in die IG Metall aufgenommen und wurde zum roten Tuch für alle Meister.
Der Betriebsrat machte ihn zum Vertrauensmann der Gewerkschaft, seine fortgeschrittenen Deutschkenntnisse ermöglichten ihm außerdem die Arbeit als Betriebsdolmetscher – eine Tätigkeit, mit der Karahasan jedoch haderte. Nicht immer übersetzte er die strengen Arbeitsanweisungen korrekt. Als ihm die Kündigung drohte, streikten seine Kolleginnen und Kollegen. Karahasan durfte bleiben, fortan aber nicht mehr dolmetschen. Wenig später nahm er ein Angebot als Sozialberater bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) an.
Der sozialdemokratisch geprägte Verein richtete seine Aktivitäten im Zuge der Anwerbeabkommen auch auf die Bedürfnisse migrantischer Arbeitskräfte aus. Er leistete karitative Arbeit, beriet und unterstützte bei der Gründung eigener Arbeitervereine. Zudem förderte die AWO Kultur- und Sportveranstaltungen und füllte damit eine Leerstelle an gemeinschaftsbildenden Angeboten für die migrantische Bevölkerung. Karin Hunn erkennt in der Arbeiterwohlfahrt deshalb einen Katalysator für die Selbstorganisation türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten. Auch Karahasan wirkte an diversen Vereinsgründungen mit. Arbeitsbegleitend studierte er an der Sozialakademie in Dortmund und initiierte 1969 den bundesweit ersten „Arbeitskreis Ausländischer Arbeiter“ in der SPD.
Gewerkschaften als Vehikel der Integration
Die deutschen Gewerkschaften begegneten den Anwerbeabkommen aus Sorge vor Arbeitsplatzkonkurrenz und Lohndruck zunächst mit Skepsis. Auch fürchteten sie radikale Einflüsse durch die neuen Kolleginnen und Kollegen, in deren Herkunftsländern gewerkschaftliche Arbeit oftmals illegal war. In den 1960er Jahren wich diese Haltung jedoch der Erkenntnis, dass gerade die gewerkschaftliche Integration der neuen Kolleginnen und Kollegen den innerbetrieblichen Frieden wahren würde. Pragmatisch erkannten die Gewerkschaften in den „Gastarbeitern“ zahlreiche potentielle neue Mitglieder. Insofern war ihr Engagement von starken Eigeninteressen geleitet und häufig von Paternalismus geprägt.
Wie in der übrigen Gesellschaft gab es Ressentiments und Ausländerfeindlichkeit, im Zweifelsfall ergriff man Partei für die deutschen Arbeitskräfte. Dennoch stellten die Gewerkschaften die früheste und numerisch größte Interessensvertretung der migrantischen Bevölkerung in Deutschland dar. Während Ämter in der Politik ohne deutschen Pass nicht zugänglich waren, boten die Gewerkschaften ein mögliches politisches Betätigungsfeld.
Vorreiterin der gewerkschaftlichen Integration war die IG Metall. Die sogenannte „Ausländerarbeit“ institutionalisierte sich hier besonders früh und gab wichtige migrationspolitische Impulse. Bereits 1961 richtete der Vorstand das Referat „Ausländische Arbeitnehmer“ ein, ab 1962 erschienen die Mitteilungsblätter in verschiedenen Sprachen. Zum Gewerkschaftstag in Bremen 1965 wurden explizit 20 nicht-deutsche Mitglieder eingeladen – einer von ihnen war Yılmaz Karahasan.
„Wir sind keine Gäste“
Karahasan nutzte diese Bühne für eigene Impulse. Am Begriff der „Gastarbeiter“ übte er Kritik, dieser wecke falsche Vorstellungen – denn Gäste lasse man nicht arbeiten. Auch mit dem Betreuungsansatz der Gewerkschaften rechnete er ab. Er forderte betriebliche Gleichberechtigung und Solidarität, das Wahlrecht für den Betriebsrat und eine aktive Mitgestaltung der gewerkschaftlichen Arbeit durch die migrantischen Mitglieder selbst. Er selbst brachte es so auf den Punkt:
Betreut werden müssen Kinder, alte Leute, kranke Menschen und so weiter. Wir sind weder Kinder, alt noch krank. Wir brauchen keine Betreuung, sondern wir brauchen Hilfe zur Selbsthilfe.
Karahasans Rede steht paradigmatisch für das erstarkende Selbstbewusstsein der „Gastarbeiter“, die sich als Teil der Gesellschaft statt „nur“ als bloße Arbeitnehmer oder gar „Gäste“ sahen. Durch ihre steigenden Mitgliedszahlen konnten sie zunehmend eigene Themen auf die Tagesordnung setzen. Eben dieser Beitrag migrantischer Mitglieder in der Entwicklung der bundesdeutschen Gewerkschaften wird jedoch oftmals übersehen. Häufig waren sie es, die gesellschaftliche Missstände auch über die Arbeitswelt hinaus kritisierten. Bei den sogenannten „Wilden Streiks“, etwa 1973 bei Ford, spielten vor allem die bereit gewerkschaftlich erfahrenen türkeistämmigen Arbeitskräfte eine entscheidende Rolle.
„Migrantisierung“ der Gewerkschaften und migrationspolitisches Rollback
Ab 1968 war Karahasan Gewerkschaftssekretär des IGM-Vorstandes in der Abteilung „Ausländische Arbeitnehmer“. Er steuerte die Gewerkschaft durch die migrationspolitischen Veränderungen und bundesweiten Arbeitskämpfe der 1970er Jahre, indem er Konflikte schlichtete und Zukunftskongresse mitveranstaltete. Auch die politischen Entwicklungen in der Türkei machte er zu einem präsenten Thema. Er pflegte Kontakte zur oppositionellen Gewerkschaft Disk und kritisierte in der türkischsprachigen Ausgabe der Metallzeitung den zunehmenden Militarismus und Nationalismus in der Türkei. Zwei Mal wurde er dort kurzzeitig verhaftet und 1978 in Abwesenheit verurteilt. Erst 1992 konnte er wieder in sein Heimatland einreisen.
In den 1970er und 1980er Jahren blieb die Rolle der Gewerkschaften für die „Gastarbeiter“ ambivalent. Einerseits konsolidierte sich das Engagement der migrantischen Mitglieder, da sich abzeichnete, dass die angeworbenen Arbeitskräfte dauerhaft in Deutschland bleiben würden. Erfolgreich forderten sie den Status einer Personengruppe ein, um auf allen gewerkschaftlichen Ebenen Anträge stellen zu können. Die IGM richtete regelmäßig „Ausländerkonferenzen“ aus. Karahasan arbeitete 1979 an den „Thesen der IGM für eine Neuorientierung der Ausländerpolitik“ mit, um der Politik die Realität der Einwanderungsgesellschaft vor Augen zu führen.
Die Kehrseite dieser „Migrantisierung“ der Gewerkschaften, die ein Working Paper der Hans-Böckler-Stiftung attestiert, waren rassistisch motivierte Gegeninitiativen. Seit dem Anwerbestopp 1973 gingen politische Integrationsbemühungen zurück, der wirtschaftliche Abschwung befeuerte einen negativen Diskurs über Asyl und (Arbeits-)Migration, der auch die Gewerkschaften ergriff. Während man bei allgemeinen arbeitsrechtlichen Forderungen an einem Strang zog, vermisste Yılmaz Karahasan „wenn es aber um unsere Rechte geht, […] die Solidarität von deutschen Kollegen.“[3] Teilweise verlagerten die Mitglieder ihre Erfahrung und Aktivität in die nun etablierte migrantische Selbstorganisation – die Gewerkschaften büßten ihre führende Rolle als Interessenvertretung ein.
Erstes nicht-deutsches Vorstandsmitglied
Yılmaz Karahasan blieb jedoch hartnäckiger Gewerkschaftler – trotz und gerade wegen des immer präsenteren Rassismus und der massiven rassistischen und rechtsextremen Gewalt in der Bundesrepublik. Die Geschehnisse der „Baseballschlägerjahre“ bewegten ihn 1992, sich selbst für den Vorstand der IGM vorzuschlagen – mit Erfolg. „Ich kandidiere nicht als Alibi-Ausländer“[4], verkündete er in seiner Vorstellungsrede. Für Karahasan bedeutete die Kandidatur ein politisches Zeichen, offensiv für Demokratie, Gleichberechtigung und gegen Rassismus zu kämpfen. Die Wahl des ersten nicht-deutschen Vorstandsmitglieds war eine bundesweite Sensation. In einer Zeit, in der es noch kaum sichtbare Repräsentanten der türkeistämmigen Bevölkerung gab, wurde er zum Gesicht der migrantischen Arbeiterschaft.
Als Vorstandsmitglied und SPD-Bundesdelegierter appellierte er an die Regierung, mit strukturellen sozialpolitischen Maßnahmen der Sündenbocktheorie auf dem Arbeitsmarkt und den „Negativdiskussionen“, wie Karahasan sie nannte, über das Asylrecht entgegenzuwirken. Die migrantische Bevölkerung wiederum ermahnte er, zusammenzuarbeiten, um mit demokratischen Mitteln gegen den Rechtsextremismus vorzugehen. Für Karahasan waren das Wahlrecht für Nicht-Deutsche und die doppelte Staatsbürgerschaft notwendige Schritte für die politische Teilhabe der migrantischen Bevölkerung in der deutschen Gesellschaft. Sein Ausspruch – „wir sind keine Gäste“[5] – vom Bremer Gewerkschaftstag war aktueller denn je:
Die Politik muß endlich Deutschland als ein faktisches Einwanderungsland anerkennen und daraus die richtigen Konsequenzen ziehen. – Wir haben eine multikulturelle Gesellschaft, und alle Mitglieder dieser Gesellschaft müssen rechtlich wie politisch gleichgestellt werden.
[1] Yılmaz Karahasan, vmtl. 1985 in einer Rede auf einer SPD-Veranstaltung in Frankfurt am Main, zitiert nach: Yilmaz Karahasan IG Metall, in: Archiv der sozialen Demokratie, Zeitzeugen der Gewerkschaften, 2012, Video 3, URL: https://www.zeitzeugen.fes.de/.
[2] Yılmaz Karahasan, zitiert nach Kemal Kurt: Der Kumpel im Chefsessel, Ein Portrait des Türken Yilmaz Karahasan: Als erster Ausländer wurde er in den IG-Metall-Vorstand gewählt, in: taz, 19.02.1993, o.S., URL: https://taz.de/Der-Kumpel-im-Chefsessel/!1629353/ (Stand: 18.12.2025).
[3] Yılmaz Karahasan 2018 im Interview mit Bernd Schneider, zitiert nach: Clemens Reichhold et al.: Migrantische Organisationen und Gewerkschaften in den 70er und 80er Jahren, S. 49.
[4] Yılmaz Karahasan in der Vorstellungsrunde zu den Vorstandswahlen der IG Metall 1992, zitiert nach Portrait: „Kein Alibi Ausländer“ – Yilmaz Karahasan ist der erste Ausländer an der Spitze, taz, 15.10.1992, o.S., URL: https://taz.de/Kein-Alibi-Auslaender/!1648201/ (Stand: 12.01.2026).
[5] Yılmaz Karahasan auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall in Bremen 1965, zitiert nach Yilmaz Karahasan IG Metall, in: Archiv der sozialen Demokratie, Video 3, URL: https://www.zeitzeugen.fes.de/.