- 16. Juni 2025
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- Demokratiebildung
- Neulandsucher Ost/West
„Vom Meckern zum Machen“
Natendorf ist eine klitzekleine niedersächsische Gemeinde mitten in der Lüneburger Heide. 720 Bewohnerinnen und Bewohner, viel Fachwerk, noch mehr Grün. Mittendrin die „Werkstatt fUer die Zukunft“, unser Neulandsucherprojekt im Landkreis Uelzen. Unsere erste Werkstatt veranstalteten wir im September 2024. Unser Motto: „Vom Meckern zum Machen“. 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen. Die Frage, um die der Abend kreiste, lautete: „Was wünscht Du Dir und was kannst Du einbringen, um das Leben hier in unserer Region lebens- (oder: liebens-)werter, interessanter und zukunftsfähiger zu gestalten?“ Mit dieser Frage und den Antworten darauf ging es erst so richtig los.
Die Zukunft als Versprechen
Wie ging es los? Wir von der Gruppe „beherzt“ standen Anfang 2024 an einem Punkt, an dem wir uns fragten, wie es nach fünf erfolgreichen Jahren weitergehen soll. Wir wollten bei der Aufklärung über völkische Strukturen hier auf dem Land nicht stehen bleiben. Vielmehr wollten wir unser Versprechen, das auf unseren „Kreuzen ohne Haken“ zu lesen ist - „fUEr Vielfalt“ - einlösen und für alle positiv spürbar mit Leben füllen. Denn wie in fast allen ländlichen, strukturschwachen Räumen Deutschlands, wuchs auch im Landkreis Uelzen zuletzt die Dringlichkeit, sich wieder analog zu begegnen, miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam Lösungen zu finden für konkrete Probleme vor Ort. Zumal wir wissen: Umso abgehängter sich Menschen fühlen, umso wahrscheinlicher wächst die Zustimmung zu populistischen Parteien. Mit der Zukunftswerkstatt wollten wir einen Beitrag leisten, den Landkreis resilient dagegen zu machen.
Zukunftswerkstatt als Inkubator
Wir wollten einen Raum schaffen, der zu Austausch und Mitgestaltung des Lebens vor Ort ermutigt. Eine Infrastruktur bereithalten, in der die guten Gedanken und Ideen der Teilnehmer auf fruchtbaren Boden fallen und wachsen können. Inzwischen sehen wir unser Format der Zukunftswerkstatt vorsichtig als eine Art Inkubator für unser Landleben. Uns schien die Methode einer Zukunftswerkstatt passend. Einfach mal die Pauke schlagen für „Geht’s nicht, gibt’s nicht.“ All jenen zum Trotz, die davon profitieren, Zukunftsängste und Resignation zu schüren und die das Narrativ verbreiten wollen: „Deutschland schmiert ab“.
Die Werkstatt fUEr die Zukunft gehört zu einem von zehn Projekten in der Programmlinie “Neulandsucher/Ost West”. Sie wird getragen von der Gruppe beherzt – für Demokratie und Vielfalt e. V. und wäre ohne das Jahrmarkttheater in Bostelwiebeck und das Gasthaus ohne Linde e. V. gar nicht denkbar. Zwei Werkstätten haben stattgefunden, eine dritte ist in Planung.
Erfahrungen weitergeben
Die Förderung durch Neulandsucher Ost/West gehört für mich zu den wertvollsten Erfahrungen des vergangenen Jahres. Ich habe es als unheimlich inspirierend empfunden, meine Idee zu einem Projekt zu entwickeln und es mit Hilfe von finanziellen Mitteln und ermutigenden Workshops in Kassel und Berlin Wirklichkeit werden zu lassen.
Beide Zukunftswerkstätten waren aus meiner Perspektive erfolgreich. Wir konnten mit der ersten Werkstatt 50, mit der zweiten Werkstatt sogar 70 Bürgerinnen und Bürger erreichen, die mit uns konkret an Themen wie „Dritte Orte für Begegnung & Dialog“, „Landkreis ohne Einsamkeit“, „Nachhaltig leben“, Mobiler durch den Landkreis“, Ärzte und Fachkräfte fürs Landleben gewinnen“ oder „Konzepte für Kinder und Jugendliche“ gearbeitet haben. Nahezu alle Teilnehmenden haben sich zudem in unseren Mailverteiler eingetragen und damit Interesse an einer Fortsetzung signalisiert.
Ein Teil des Erfolgs war sicherlich, dass wir der eigentlichen Werkstatt zunächst immer eine Impulsphase vorangestellt haben, in der Aktive aus dem Landkreis Uelzen in ganz kurzen konkreten Impulsen von ihren ermutigenden Erfahrungen berichtet haben. Das waren Unternehmerinnen, Sozialarbeiter, Hebammen, Künstlerinnen, Landwirtinnen, Gründer sozialer Netzwerke, Aktivisten, kurz: Menschen, die es geschafft haben, in der Region Projekte mit Strahlkraft umzusetzen.
Ein Speicher ist entstanden!
Bildhaft ausgedrückt, erinnerten mich die Werkstätten an summende, brummende Bienenstöcke, in denen es warm und produktiv zuging. Zeitweise habe ich gestaunt, wie es uns als Team gelungen ist, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Menschen schnell ihren Platz finden und trotz Zeitdruck und hoher Anforderung ihre Aufgabe motiviert annehmen und ausfüllen. In der zweiten Werkstatt haben wir allerdings gemerkt, dass die Personenzahl zu hoch und die Zeit am Ende zu knapp war. Die Ergebnisse blieben hinter unseren Erwartungen zurück.
Aber: Unter dem Strich haben wir mit den zwei Werkstätten einen großen Speicher an Ideen für den Landkreis Uelzen erarbeitet. Diese liegen nun dem Landrat vor – und wir sind gespannt auf die Reaktion! Zum anderen wollen wir aber nicht warten, sondern werden mit einer dritten Werkstatt in Richtung Umsetzung gehen. Es soll also unbedingt eine Fortsetzung geben.
Chancen und Herausforderungen
Der Gruppe „beherzt“ ist es im Laufe des Projektes gelungen, ihr Profil als Ideenschmiede bzw. -inkubator für den ländlichen Raum zu festigen bzw. auszubauen. Es ist außerdem gelungen, Menschen direkt teilhaben zu lassen – und das Geheimnis lag darin, „für“ etwas zu sein, nicht „gegen“ etwas einzutreten. Sie also nicht an die Hand zu nehmen, sondern allen die wollen, etwas in die Hand zu geben. Mit diesem niedrigschwelligen, kreativen und durchweg positiven Konzept von Bürgern für Bürger haben wir noch weitere Zielgruppen erreichen können. Der Wert, der darin für die Gruppe „beherzt“ liegt, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Denn spätestens seit der Kleinen Anfrage der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag im März 2025 unter dem Titel „Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen“ hat es mehrere Versuche von Seiten der AfD, aber auch aus dem Spektrum rechtspopulistischer Medien gegeben, die Gruppe „beherzt“ als linksextreme NGO in der Öffentlichkeit darzustellen.
In Zeiten, in denen einer zivilgesellschaftlichen Gruppe wie uns, die sich gegen Rechtsradikalismus auf dem Land einsetzt, der Wind immer härter ins Gesicht bläst, ist die Reputation, die wir uns über die vergangenen Jahre aufgebaut haben, und damit der Rückhalt in der Bevölkerung, von immer größerer Bedeutung. Ein Projekt wie die „Zukunftswerkstatt fUEr den Landkreis Uelzen“ ist deshalb hier im Kleinen ein wichtiger Baustein; genauso wie Programme, die demokratische Kultur im Großen voranbringen.
Dankbar für das Netzwerk
Zum Abschluss möchte ich danken für das große Netzwerk, an dem die Neulandsucher Ost/West teilhaben dürfen. Gerade auch die Möglichkeit, hier in den Austausch mit Initiativen aus dem Osten Deutschlands zu kommen, finde ich sehr wertvoll und wichtig. Aus den Workshops und Einladungen, etwa zu der „Werkstatt der Mutigen“ im Futurium in Berlin, konnten wir als Gruppe „beherzt“ bereits viele wichtige Kontakte und Erfahrungen mitnehmen. Auch zum Überlandfestival in Görlitz werden wir mit einer Gruppe anreisen und freuen uns jetzt schon auf den Austausch. Das Vernetzen mit anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen ist für uns bedeutsamer denn je.
Besser für die Zukunft
Während der Laufzeit des Projektes ist mir immer wieder bewusst geworden, wie wichtig Methoden sind. Ohne eine Vielzahl von klugen Methoden, die wir in den Zukunftswerkstätten als Icebreaker oder zum Brainstormen eingesetzt haben, wäre das Konzept niemals so erfolgreich geworden. Davon darf es gerne mehr sehr sein: Es wäre einfach der Hammer, wenn Akteure so etwas wie eine Methodenberatung anfragen könnten, die auf ihre jeweiligen Projekte zugeschnitten ist.
Zum Schluss
Ich habe während des Projekts eine Freundin hinzugewonnen und weitere Mitglieder des Werkstatt-Teams von neuen, starken Seiten kennenlernen dürfen. Ich bin unglaublich dankbar dafür, dass ich ein Team von Mutigen, Neugierigen und intrinsisch Motivierten gefunden habe, die sich auf das Projekt Zukunftswerkstatt eingelassen und diese durch ihre Erfahrungen und Fähigkeiten bereichert haben. Das ist nicht selbstverständlich. Und das werde ich immer als besonders in Erinnerung behalten.
Neulandsucher Ost/West
Das Programm „Neulandsucher Ost-West“ unterstützt engagierte Menschen, die in ihren Dörfern und Kleinstädten für Teilhabe und demokratisches Miteinander einstehen. Menschen, die mutig, kreativ und verantwortungsbewusst Veränderungen anstoßen, die andere mitnehmen und ihre Erfahrung weitergeben wollen. Menschen, die Ideen haben, um die Zukunft mitzugestalten, dafür eigene Wege gehen und dabei immer in die Gesellschaft vor Ort hineinwirken.
Das Programm Neulandsucher Ost-West ist eine Kooperation des Neuland gewinnen e.V. und der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Das Programm wird durchgeführt vom Programmbüro Neulandgewinner und von der Stiftung begleitet.