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Streit ums Wählen! Wahlen und Wahlpraxis in Geschichte und Gegenwart

Das diesjährige Theodor-Heuss-Kolloquium in Stuttgart greift die aktuellen Debatten um Wahlen und Wahlpraxis in einem interdisziplinären Austausch auf. Welche Fragen besonders wichtig sind, welche Erwartungen er an die Konferenz hat und warum das Wählen wieder umstritten ist, skizziert Historiker Paul Nolte im 3einhalb-Fragen-Interview. 

Themenfelder:
  • 3einhalb Fragen
  • Demokratiegeschichte
  • Stiftung

Herr Nolte, über das Wählen wir wieder gestritten. Warum?

Die Gründe sind paradox: Manche zweifeln, dass Wählen noch das geeignetste Mittel demokratischer Willensbildung ist – anderen ist es so wichtig, dass sie seine Ausgestaltung weitertreiben möchten, oder an aktuelle gesellschaftliche Debatten anpassen. Das gilt etwa für die Frage der Genderparität. Auch gilt es, Herausforderungen der illiberalen Demokratie abzuwehren. Insgesamt: ein faszinierendes Bündel von Aktualitäten. Und die Schwerpunkte des Streits sind in Deutschland zum Beispiel ganz anders als in den USA.

Theodor-Heuss-Kolloquium 2025: Streit ums Wählen! Historische Fachtagung am 01./02. Oktober 2025 in Stuttgart

Über das Wählen wird wieder gestritten. Wahlrecht, Wahlverfahren und die Zugänglichkeit von Wahlen stehen erneut im Mittelpunkt politischer Debatten – in Deutschland und darüber hinaus. Das Kolloquium nimmt historische Entwicklungen ebenso in den Blick wie aktuelle Reformen. Es fragt, wie sich gesellschaftliche Konflikte in der Wahlpraxis und in der Gestaltung von Wahlsystemen zeigen.

Der Streit ums Wählen steht im Zentrum des diesjährigen Theodor-Heuss-Kolloquiums. Welche Erwartungen haben Sie an die Konferenz? 

Wir wollen nicht eine Spezialfrage behandeln, zum Beispiel die Absenkung des Wahlalters auf 16, sondern uns einen Überblick über die Konflikte und Diskurslagen verschaffen. Das geht nur in historischer Perspektive, mit dem Blick auf die verschiedenen Zeitschichten, und vor allem: interdisziplinär. Wichtig ist uns auch, eine Brücke zu schlagen zwischen den eher wissenschaftsinternen Debatten, die in der Öffentlichkeit kaum ankommen – etwa, ob das Wählen durch Losverfahren abgelöst werden soll –, und dem heftigen politischen Streit, zum Beispiel um die letzte Wahlrechtsreform in Deutschland und ihre womöglich anstehende Revision. Dazu dient nicht zuletzt die öffentliche Podiumsdiskussion am Abend des 01. Oktober.

Sind unsere Wahlen demokratisch genug?

Wahlrecht, Wahlverfahren und die Zugänglichkeit von Wahlen stehen in der Gegenwart erneut im Mittelpunkt politischer Debatten – in Deutschland und anderen Ländern. Expertinnen und Experten aus der Zivilgesellschaft, der Rechts- und Sozialwissenschaft diskutieren grundsätzliche Bedingungen modernen Wählens und neue Überlegungen für ein zeitgemäßes Wahlrecht – immer vor der Frage: Sind unsere Wahlen demokratisch genug?

Öffentliche Podiumsdiskussion mit 

Ralf-Uwe Beck (Theologe und Bundesvorstandssprecher von Mehr Demokratie e. V., Berlin)

Johanna Maria Mittrop, LL.M. (KCL) (Juristin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Recht der Politik der Universität Leipzig)

Prof. Dr. Angelika Vetter (Politologin und Akademische Direktorin an der Universität Stuttgart)

Prof. Dr. Felix Heidenreich (Moderation; Politologe und Wissenschaftlicher Koordinator des Internationalen Zentrums für Kultur und Technikforschung an der Universität Stuttgart)

01. Oktober, 19 Uhr, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Paracelsusstraße 91, 70599 Stuttgart

Sie haben es gerade schon genannt: Das Kolloquium bringt Fachleute aus der Geschichts-, Politik- und Rechtswissenschaft zusammen. Was können die verschiedenen Disziplinen voneinander lernen? 

Der interdisziplinäre Dialog kommt überhaupt oft zu kurz, gerade bei diesem Thema. Insofern gilt es neu zu lernen, dass man voneinander lernen kann. Von der Geschichte lässt sich die tiefe nationale Prägung von Kulturen des Wählens lernen, die auch in einer globalisierten Welt, ja innerhalb der Europäischen Union schwer aufzubrechen sind. Die Rechtswissenschaft verhilft zu begrifflicher Schärfe; die Politikwissenschaft zu der nötigen empirischen Fundierung, denn den meisten Historikern sind Zahlen und Daten eher fremd. Ich bin sehr gespannt, wie die Problembeschreibungen der verschiedenen Fächer aufeinandertreffen.

Welche Wahl mussten Sie zuletzt treffen? 

Psychologinnen und Neurowissenschaftler sagen, dass wir jeden Tag mehrere tausend Mikro-Entscheidungen treffen: Marmelade oder Käse aufs Brötchen; Kaffee nachgießen oder nicht, … Andererseits vollzieht sich das Alltagsleben in festgespurten Bahnen, in Routinen, auch in Sachzwängen, die uns keine Wahl zu lassen scheinen. In diesem Spannungsfeld bleibt das politische Wählen etwas Besonderes, also sage ich: diejenige bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025. 

Paul Nolte

lehrt seit 2005 Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehört die Geschichte der Demokratie seit dem 18. Jahrhundert, zu der er zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt hat. Paul Nolte ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus.

Redaktion Die Redaktion des Theoblog regt Beiträge an, stellt Fragen, organisiert und liest Korrektur. Und gelegentlich schreiben die Redakteure auch selbst. 

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