- 19. August 2025
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- 100 Köpfe der Demokratie
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Herr Schwartz, wie zeichnet man „die“ Demokratie?
Die Demokratie lebt natürlich von einzelnen Personen und deswegen, denke ich, kann man die Demokratie, wenn man so möchte, nur in vielen, vielen Portraits einzelner Persönlichkeiten darstellen. Und genau das habe ich für die „100 Köpfe“ getan. Aber: Es sind keine klassischen Portraits, sondern sie beinhalten immer wieder zusätzliche Bildausschnitte, comichafte Darstellungen einzelner, verschiedener Episoden ihres Lebens, die zeigen, was sie auf diesem Weg zur Streiterin oder Streiter für die Demokratie gemacht hat und sie erlebt haben. Und ich habe versucht, für jede einzelne Persönlichkeit eine ganz eigene Bildkomposition, eine eigene Formsprache zu finden, die dieser entsprechenden Biographie gerecht wird.
Jan Ruhkopf (Hrsg.): 100 Köpfe der Demokratie. Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit. Illustriert von Simon Schwartz
Wenn es um Demokratie geht, haben alle eine Meinung – und doch fällt es gar nicht so leicht zu sagen, was zur Demokratie alles gehört. Eines ist aber klar: Demokratie wird für und von Menschen gemacht. 100 solcher Menschen stellt dieses Buch vor. Es sind Frauen und Männer aus über zwei Jahrhunderten, unter ihnen Politikerinnen und Widerstandskämpfer, Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftler, Aktivistinnen und couragierte Privatpersonen. Was sie eint: der Kampf um gesellschaftliche Teilhabe und ein gerechteres Miteinander.
Von Georg Forster über Walther Rathenau und Marion Gräfin Dönhoff bis May Ayim - 100 spannende Lebensläufe, die eines verdeutlichen: Schon ein einzelner Mensch kann einen großen Unterschied machen.
Sie haben für die „100 Köpfe der Demokratie“ alle Zeichnungen eigens angefertigt – verraten Sie uns Ihren Favoriten?
Eine portraitierte Person, die ich vor den „Köpfen“ noch nicht kannte, war Fasia Jansen. Ich mag das Portrait von ihr sehr gern, denn: sie war ja Musikerin. Wie stelle ich Musik in der Zeichnung dar, die ja keinen Ton transportieren kann? Das zu kombinieren mit ihrer wirklich bewegten Biographie und ihrer Haltung, das war eine schöne Herausforderung! Es hat sehr viel Spaß gemacht, dafür eine graphische Lösung zu finden.
Es ist nicht das erste Buch für Sie, in dem es um die Geschichte der Demokratie geht – hatten die „Köpfe“ dennoch eine Überraschung für Sie parat?
Ich muss gestehen, dass mir von den „100 Köpfen“ tatsächlich doch sehr viele bekannt waren. Das hat unter anderem damit zu tun, dass ich 2019 für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages das Projekt „Das Parlament“ realisiert habe, wo ich 45 heute meist eher unbekannte Parlamentarierinnen und Parlamentarier ab 1848 portraitiert habe. Was bei den „Köpfen“ aber für mich spannend war, und das zeichnet für mich auch die Auswahl dieser hundert Personen aus, ist die Tatsache, wie divers sie ist. Es sind wirklich viele Frauen vertreten, also ist zum Beispiel auch der Kampf der Frauenbewegung sehr gut dokumentiert. Es sind queere Personen vertreten, es sind nicht-weiße Personen vertreten, schwarze deutsche Biographien sind auch ein wichtiger Baustein in dieser Reihe. Und das zeigt einfach auch die Diversität der deutschen Demokratiegeschichte – und zwar nicht erst irgendwie in den letzten 10, 15 Jahren, sondern wirklich seit 200 Jahren.
Welche historische Biographie sollte aus Ihrer Sicht unbedingt nochmal als Graphic Novel erzählt werden?
Die „100 Köpfe“, die ich portraitiert habe, verdienen eigentlich jede und jeder für sich eine 200- bis 300-seitige Graphic Novel. Wenn ich jetzt jemanden auswählen müsste, der mich reizen würde, dann wäre es, glaube ich, Georg Forster. Denn dieses Leben hatte wirklich alles: von Expeditionen mit James Cook bis dann hin zur Mainzer Republik und dann die Flucht nach Paris. Da ist wirklich alles für einen Abenteuerroman drin.
Simon Schwartz
geboren 1982, ist einer der renommiertesten Comickünstler Deutschlands. 2009 erschien sein Debüt drüben!, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde. Seine Graphic Novel Packeis wurde mit dem Max und Moritz Preis als „Bester deutscher Comic“ ausgezeichnet. Für die Stasi-Gedenkstätte in Erfurt gestaltete er einen 7 x 40 Meter großen Bildfries. 2017 und 2019 ehrte ihn der Deutsche Bundestag mit Einzelausstellungen.