- 23. Dezember 2025
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Rechtspopulistische Wahlsiege und Regierungsbeteiligungen in mehreren europäischen Ländern; eine als rechtsextrem eingestufte Partei, die in Deutschland über Monate hinweg die Wahlumfragen anführt; ein US-Präsident, der die amerikanische Demokratie um- und abbaut; und immer wieder Diskussionen um Abschottung, Brandmauern und den richtigen Umgang mit den politischen Kräften am rechten Rand. Das Jahr 2025 bot genug aktuelle Aufhänger und Diskussionsthemen für das THH-Schwerpunktthema „Rechtsaußen“.
Ein Jahr lang fragten wir in Vorträgen und Diskussionen, in Ausstellungsführungen und in Workshops für Jugendliche, in Interviews, Essays und Publikationen nach dem Ort der autoritären Rechten in unserer Gesellschaft: Wie groß ist die Gefahr und wie können wir ihr begegnen? Welche historischen Kontinuitäten und Brüche lassen sich erkennen – und können wir aus der Geschichte etwas für den Umgang mit autoritären Kräften heute lernen?
Eine Marginalie?
Lange Zeit ist das Thema Rechtsextremismus in der bundesdeutschen Geschichte als Randphänomen beschrieben worden. Als eine Marginalie in der „Erfolgsgeschichte Bundesrepublik“. Dabei spielte die extreme Rechte gerade in der Anfangszeit der Bundesrepublik eine große Rolle. Gleich mehrere Parteien versuchten nach 1945, die Nachfolge der NSDAP anzutreten und frühere Nationalsozialisten und ihre Familien als Wählerinnen und Wähler anzusprechen. Auch die Partei von Theodor Heuss, die FDP, erlebte im ersten Jahrzehnt ihres Bestehens erbitterte Auseinandersetzungen zwischen Liberalen und Nationalisten – bis hin zum Versuch ehemaliger Nationalsozialisten, die Partei gezielt zu unterwandern. Bundespräsident Heuss erreichten in diesen Jahren immer wieder Briefe von besorgten Bürgerinnen und Bürgern, die sich vor einer Rückkehr des „Nazigeistes“ in der westdeutschen Gesellschaft fürchteten. Zugleich suchte Heuss, auf möglichst diskreten Wegen auf die politischen Parteien einzuwirken, um den Einfluss der Rechten zu begrenzen.
Auch die Erfahrungen der Weimarer Zeit spielten nach 1945 eine wichtige Rolle. War die erste deutsche Demokratie an den Extremen zugrunde gegangen, an der antidemokratischen Einstellung alter Eliten – oder am mangelnden Kampfgeist der Demokratinnen und Demokraten? Hätte der Aufstieg des Nationalsozialismus aufgehalten werden können? Mit Wolfgang Nieß warfen wir einen Blick auf die politische Landschaft der Weimarer Zeit und das „Schicksalsjahr 1925“, in dem Paul von Hindenburg zum Reichspräsidenten gewählt wurde – eine Präsidentenwahl, die sehr an die Gegenwart erinnert, frei nach dem Motto: „Make Germany Great Again“.
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Ihre Datenschutzeinstellungen verhindert das Einbinden dieses Youtube Video. Mit nur einem Klick auf die Buttons können Sie alle Einbindungen von Drittanbietern dauerhaft oder nur diese Eine einmalig erlauben. Weitere Informationen können Sie in unserer Datenschutzerklärung finden.Ähnliche Gegenwartsbezüge entwickelte unser Programm „Demokrat gegen Rechtsaußen. Theodor Heuss und die extreme Rechte“, das als Ausstellungsführung und als Workshop für Jugendliche angeboten wurde. Dass der liberale Journalist, Politiker und Hochschullehrer Theodor Heuss schon in der Zwischenkriegszeit all jene Strategien gegenüber der aufstrebenden Nazi-Bewegung durchspielte, die wir heute wieder diskutieren, zeigte auch der Festvortrag von Thorsten Holzhauser zum Schülerpreis 2025. Von der Abgrenzung und Warnung, über die politische Bildungsarbeit und die satirische Zuspitzung bis hin zur Hoffnung auf Zähmung und Entzauberung: Heuss versuchte Hitlers Bewegung auf vielen Ebenen zu begegnen, und konnte dessen Aufstieg doch wenig entgegensetzen.
Rechte Erfolge der Vergangenheit
Im Vergleich dazu ging es der Bundesrepublik lange gut: Während sich andere Länder in Europa mit der Präsenz alter und neuer Rechtsaußenparteien auseinandersetzen mussten, schien die Bundesrepublik, nach den Affären und Debatten des ersten Jahrzehnts – und nach dem Verbot der rechtsextremen „Sozialistischen Reichspartei“ – weitgehend verschont. Zwischenzeitige Erfolge von Neonazi-Parteien waren meist nur von kurzer Dauer: So etwa die Erfolge der Republikaner in den 1980er und 1990er Jahren, die hier in Baden-Württemberg 1992 über 10 Prozent der Stimmen bei der Landtagswahl gewannen. Sein Buch über die Geschichte dieser Partei stellte der Autor Moritz Fischer selbst im Theodor-Heuss-Haus vor.
Wie die Historikerin Barbara Manthe zeigte, kam es auch in der Bundesrepublik immer wieder zu rechtsterroristischen Anschlägen, die in der öffentlichen Wahrnehmung aber ganz im Schatten der linksextremen Gewalt der RAF und anderer Gruppen stand. Solcherlei Traditionen in Westdeutschland wurden nach der Wiedervereinigung der Bundesrepublik mit der DDR schnell vergessen. Nun schien rechter Extremismus im politischen Diskurs und in der gesellschaftlichen Debatte ein ostdeutsches Phänomen zu sein, das wahlweise auf die langen Diktatur-Erfahrungen der Ostdeutschen oder auf die Verwerfungen der demokratisch-kapitalistischen Transformation zurückgeführt wurde.
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Die Erfolge von NPD und DVU in Ostdeutschland, die partielle Hegemonie extrem-rechter Strömungen in manchen Kommunen und die Gewalt-Exzesse der sogenannten „Baseballschlägerjahre“ erschienen vor diesem Hintergrund als ein Übergangsphänomen, das sich mit dem Zusammenwachsen von Ost und West irgendwann auflösen würde. Irgendwann würden auch die Ostdeutschen „in der Demokratie ankommen“. Die Wirklichkeit wiederum ist komplexer, denn außerhalb Deutschlands hatten neue, „rechtspopulistische“ Parteien schon seit den 1970er und 1980er an Bedeutung gewonnen. Während neue migrationsfeindliche Parteien zunächst in den nordischen Ländern entstanden und mit populistischer Rhetorik auch in unseren unmittelbaren Nachbarländern Politiker wie Jörg Haider oder Jean-Marie Le Pen Erfolge feiern konnten, fragte man sich in Deutschland bange, wann es bei uns so weit sein würde. Heute ist dieses Szenario eingetreten und die autoritäre Rechte scheint in Deutschland, in Europa und weltweit auf dem Vormarsch.
Aber worin liegen die Gründe für die rechten Erfolge? Noch immer stellt dies eine Streitfrage auch in den Gesellschaftswissenschaften dar. Sind es ökonomische Gründe wie die Angst vor dem wirtschaftlichen Abstieg, die die rechten Erfolge erklären, oder haben wir es mit kulturellen Problemen zu tun? Dass die Antwort in den Defiziten unserer Demokratie selbst liegt, legte Armin Schäfer in seinem Vortrag im Theodor-Heuss-Haus nahe. Demnach spielt das Versagen der liberalen Demokratien bei der Repräsentation großer Teile der Bevölkerung eine zentrale Rolle. Ähnlich grundsätzlich argumentierte der Soziologe Andreas Reckwitz mit seinem Essay in unserer Kleinen Reihe. Während sich die liberale Demokratie schwertue, Verluste an Wohlstand, Sicherheit oder Wohlergehen zu begründen, profitierten rechte Populisten genau davon, indem sie versprechen, den verlorenen Zustand zurückzugewinnen, den die liberale Demokratie nicht mehr garantieren kann, so Reckwitz.
Offene Gesellschaft verteidigen
Auch die Geschichtswissenschaft ist gefordert, sich mit rechtsextremen Strategien auseinanderzusetzen, gehört doch die Umdeutung der Geschichte fest zu deren Arsenal: wenn Nazis zu Linken erklärt werden, der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zum Denazifizierungsprojekt oder der Nationalsozialismus und mit ihm der Holocaust zum „Vogelschiss der Geschichte“. Was würde eine „erinnerungspolitische 180-Grad-Wende“ bedeuten, wie sie inzwischen gefordert wird? Zusammen mit dem Publizisten Volker Weiß setzten wird uns zum 80. Jahrestags des Kriegsendes auch mit diesem „Krieg“ gegen Geschichte und NS-Erinnerung auseinander, der dazu beiträgt, die Werte der liberalen Demokratie zu untergraben.
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Um unser demokratisches Gemeinwesen zu schützen, wird es auch weiterhin einer wehrhaften Demokratie bedürfen. Welche Rolle dabei die Verfassungsschutzbehörden spielen – und welche die Bürgerinnen und Bürger – fragten wir die Präsidentin des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg Beate Bube im diesjährigen Festvortrag zum Verfassungstag. In der Theodor-Heuss-Gedächtnis-Vorlesung 2025 wiederum hob die Schriftstellerin und Essayistin Anne Rabe die Rolle der Gesellschaft hervor und betonte die Bedeutung der Moral in der Demokratie. Während moralische Argumente und Maßstäbe durch rechtsextreme und populistische Kräfte zunehmend infrage gestellt würden, brauche jede freiheitliche Gesellschaft einen klaren moralischen Kompass, so Rabe. Wie wir diese Werte im Alltag verteidigen, diskutierten Jugendliche in unserem Workshop „Meinung, Hass und Hetze – aushalten oder gegenhalten“ und in vielen anderen Bildungsveranstaltungen im Theodor-Heuss-Haus.
Demokratische Kultur gegen Rechtsaußen
Mit ihrem Bildungs- und Demokratieprogrammen arbeitet die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus weiter daran, zur Resilienz unserer Gesellschaft gegen die Angriffe und Anfeindungen von Rechtsaußen beizutragen. Unsere „100 Köpfe der Demokratie“ umfassen gleich mehrere Biografien von Demokratinnen und Demokraten, die in ihrem Leben gegen Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit gekämpft haben. Sie bieten genug Inspiration für demokratisches Engagement heute.
Jan Ruhkopf (Hrsg.): 100 Köpfe der Demokratie. Starke Stimmen für ein Leben in Freiheit. Illustriert von Simon Schwartz
Wenn es um Demokratie geht, haben alle eine Meinung – und doch fällt es gar nicht so leicht zu sagen, was zur Demokratie alles gehört. Eines ist aber klar: Demokratie wird für und von Menschen gemacht. 100 solcher Menschen stellt dieses Buch vor. Es sind Frauen und Männer aus über zwei Jahrhunderten, unter ihnen Politikerinnen und Widerstandskämpfer, Frauenrechtlerinnen und Wissenschaftler, Aktivistinnen und couragierte Privatpersonen. Was sie eint: der Kampf um gesellschaftliche Teilhabe und ein gerechteres Miteinander.
Von Georg Forster über Walther Rathenau und Marion Gräfin Dönhoff bis May Ayim - 100 spannende Lebensläufe, die eines verdeutlichen: Schon ein einzelner Mensch kann einen großen Unterschied machen.
Mit unserem Programm „Neulandsucher Ost/West“ wiederum setzen wir bei einem Problem an, das für den Rechtsextremismus als zusätzlicher Katalysator wirkt: dem Zusammenhang von demokratischer Kultur und erodierenden Strukturen in unserer Gesellschaft. Dass Rechtsextreme dort erfolgreich sind, wo es an Infrastruktur fehlt, ist längst bekannt: kein Laden im Dorf, keine Kneipe und kein ÖPNV, der die Menschen zusammenbringt. Hier braucht es private Initiativen wie den Umsonstladen im Landkreis Zwickau, der angesichts des Leerstands in der Innenstadt Abhilfe schaffen will, oder die „fahrende Bibliothek“ im thüringischen Mötzelbach – beides Projekte aus dem Neulandsucher-Programm.
Aber nicht nur die mangelnde Infrastruktur ist ein Problem, sondern ein gesellschaftliches Klima, das zunehmend durch Vorurteile und Identitätskämpfe geprägt ist. Die Macherinnen des Ost-West-Salons im brandenburgischen Oder-Spree-Kreis wollen es anders machen: Um Zugezogene und Pendler nach Berlin mit den Einheimischen ins Gespräch zu bringen, sollen Gelegenheiten geschaffen werden: Bei Kaffee und Kuchen und mitgebrachten Speisen aus allen möglichen Herkunftsregionen wird miteinander geredet statt übereinander. Das wendet sich auch gegen zunehmende Versuche, eine aggressive Ost-Identität zu propagieren, die bewusst autoritär, antiliberal und antiwestlich überformt wird.
In die Zukunft
Die Auseinandersetzung mit „Rechtsaußen“ wird unsere Demokratie auch in den kommenden Jahren beschäftigen – zu stark erscheinen die Sogkräfte des rechten Populismus und Extremismus in unserer Gesellschaft. Doch gibt auch das Wahljahr 2026 genug Möglichkeiten, die Demokratie zu verteidigen – sei es an der Wahlurne, auf der Straße oder im gesellschaftlichen Alltag. Das Theodor-Heuss-Haus wird die Beschäftigung mit menschenfeindlichen Tendenzen in unserer Gesellschaft auch im kommenden Jahr fortführen, nicht zuletzt mit dem Themenschwerpunkt „Immer noch. Antisemitismus in Deutschland“.