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Porträtfoto von Axel Reitz.
Axel Reitz (Foto: privat)

„Ich war der Hitler von Köln“

Er radikalisierte sich als Teenager, machte Karriere in der NPD und wurde „Hitler von Köln“ genannt. Dann Ausstieg und Kehrtwende. Im 3einhalb Fragen-Interview erzählt der 43-Jährige von seiner Zeit als Neonazi und seinem Engagement gegen die extreme Rechte.

Themenfelder:
  • 3einhalb Fragen
  • Schwerpunkt Rechtsaußen

Im Alter von 13 Jahren kam Axel Reitz zunächst in ein rechtsextremes Umfeld und dann zur neonazistischen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD). Er entwickelte sich zu einem gefragten Propagandisten und wurde „Hitler von Köln“ genannt. Er verbüßte eine zweijährige Haftstrafe wegen Volksverhetzung. Im Jahr 2012 stieg er mit Hilfe eines Aussteigerprogramms aus der Szene aus. 2023 veröffentlichte er das Buch „Ich war der Hitler von Köln. Mein Weg aus der Neonaziszene.“

Herr Reitz, wie sind Sie als Jugendlicher in die rechtsextreme Szene geraten?

Ich war 13 Jahre alt, als meine Lehrerin ein Jugendparlament gründen wollte. Dafür sollten wir Parteiprogramme sammeln. Ich schrieb zahlreiche Parteien an – darunter auch rechte. Als meine Lehrerin einige dieser Programme demonstrativ entfernte und nicht mit mir darüber diskutieren wollte, fühlte ich mich bevormundet. Das hat in mir Trotz ausgelöst. Ich wollte verstehen, warum diese Parteien „anders“ behandelt werden – und gleichzeitig rebellieren. Also nahm ich Kontakt auf. Besonders die NPD reagierte und lud mich ein. Dort erlebte ich Anerkennung und Zuspruch – etwas, das mich stark beeindruckte.

Wie wurden Sie innerhalb der Szene aktiv?

In der Schule hatte ich durchaus vom Nationalsozialismus gehört, wir haben sogar Filme wie „Schindlers Liste“ gesehen. Doch in der Szene wurde mir vermittelt, dass man uns belüge – über Geschichte, Medien und Politik. Wenn man einmal glaubt, dass „alles gelogen“ sei, dann zweifelt man auch an historischen Fakten. Ich entwickelte ein binäres Weltbild: gut oder böse, wir oder die anderen. Grautöne gab es nicht mehr.

In der Szene war ich zunächst einfach nur ein Teilnehmer. Doch ich wollte mehr Aktion, mehr Präsenz. Also gründeten wir eine sogenannte „Freie Kameradschaft“. Ich konnte gut reden und trat immer häufiger als Redner auf Demonstrationen auf. Applaus und Anerkennung stärkten in mir das Gefühl, wichtig zu sein. So wurde ich vom Mitläufer zum führenden Aktivisten – bekannt als der „Hitler von Köln“.

Axel Reitz hält im Theodor-Heuss-Haus einen Vortrag. Er hat ein Mikrofon in der Hand und spricht zum Publikum.
Axel Reitz bei seinem Vortrag im Theodor-Heuss-Haus. (Foto: SBTHH)

Wie haben Sie sich radikalisiert und sind dann ausgestiegen?

Radikalisierung geschieht schleichend. Es beginnt mit harmlos klingenden Forderungen nach „Meinungsfreiheit“ oder „echter Demokratie“. Feindbilder werden Schritt für Schritt aufgebaut – emotional aufgeladen mit Angst und Wut. Am Ende steht Hass. Doch wenn man so weit ist, hat man bereits einen langen Weg hinter sich, der sich in jedem Schritt logisch angefühlt hat.

Ich war 15 Jahre in der Szene. Vor rund 14 Jahren gelang mir der Ausstieg. Ironischerweise mit viel Unterstützung von genau dem demokratischen Staat, den ich bis dahin bekämpft hatte. Das hat mir gezeigt, was Demokratie wirklich bedeutet: Nämlich, dass selbst jemand wie ich eine zweite Chance bekommt. Heute versuche ich, Menschen zu zeigen, wie Radikalisierung funktioniert – und dass man niemanden vorschnell aufgeben sollte.

Sind Sie für oder gegen ein Verbot der AfD?

„Ich bin ein absoluter Gegner von einem Verbot, denn man kann Organisationen verbieten, aber nicht die Gedanken und die Menschen dahinter. Stattdessen muss man den Leuten Vertrauen in die Demokratie zurückgeben.“

Porträtfoto von Axel Reitz.
Axel Reitz (Foto: privat)

Axel Reitz

ist ein deutscher Neonazi-Aussteiger, Buchautor, Webvideoproduzent und Antiextremismus-Coach. Nach 15 Jahren in der Neonazi-Szene stieg er im Jahr 2012 aus. Heute ist er Buchautor und engagiert sich im Verein Extremislos, der Aufklärungsarbeit gegen politischen und religiösen Extremismus leistet.

Redaktion Die Redaktion des Theoblog regt Beiträge an, stellt Fragen, organisiert und liest Korrektur. Und gelegentlich schreiben die Redakteure auch selbst. 

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