- 11. April 2026
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Albert Schweitzer und Elly Heuss-Knapp? Auf den ersten Blick überrascht diese Kombination. Doch den Friedensnobelpreisträger und „Dschungelarzt“ verband eine Jugendfreundschaft mit der ersten „First Lady“ und Gründerin des Müttergenesungswerks. Zustande kam die Freundschaft durch ein gemeinsames, damals noch ungewöhnliches Hobby: Das Radfahren. Die Basis, und der Grund dafür, dass die Freundschaft trotz unterschiedlicher Lebenswege auf verschiedenen Kontinenten lebenslang hielt, war jedoch ein religiöses Wertefundament, das sich in praktischem Tun äußern sollte. Elly Heuss-Knapp und Albert Schweitzer wollten auf je eigene Weise ihren Beitrag zu einer besseren Welt leisten – einen Beitrag, der in den 1950er und 1960er Jahre hochgelobt wurde, der aber heute auch kritisch beurteilt wird.
Beginn der Freundschaft – der Radelclub
Sowohl Schweitzer als auch Heuss-Knapp wurden im Elsass geboren; er 1875 als Elsässer, sie 1881 als sogenannte „Altdeutsche“. Dass sie sich einmal befreunden sollten, war ihnen nicht in die Wiege gelegt, denn die französischen und elsässischen Bevölkerungsgruppen hatten wenig Kontakt zu den Altdeutschen. Letztere waren erst ab 1871, nach dem Ende des deutsch-französischen Krieges, ins Elsass gezogen. Schweitzer pflegte folglich seinen elsässischen Freundeskreis, während Knapp sich ihre Freundinnen eher im altdeutschen Milieu suchte. Tief verwurzelt im Protestantismus strebten die junge Elly und ihre Freunde „tätiges Christentum“ an – Glaube sollte sich in praktischem Tun äußern. Dieses Bestreben teilte der Philosoph und Theologe Albert Schweitzer, der dem Freundeskreis bald angehören sollte.
Es war Schweitzers spätere Ehefrau, Helene Bresslau, die den fahrradbegeisterten Theologen in Elly Knapps Freundeskreis einführte. Dieser traf im sogenannten „Radelclub“ regelmäßig zusammen. In seiner Bedeutung speziell für Frauen ist das Radfahren kaum zu unterschätzen. Seit 1886 waren Räder mit tiefem Einstieg auf dem Markt und erlaubten nun auch Frauen mit ihren langen Röcken, den Sport auszuüben. Das Radfahren revolutionierte die beengenden weiblichen Kleidungsvorschriften und erlaubte Frauen in jeder Hinsicht mehr Bewegungsfreiheit. Denn für das Radfahren verließen Frauen ihr häusliches Umfeld, bewegten sich in der Regel in einer oft gemischtgeschlechtlichen Gruppe und erhielten dadurch neue Möglichkeiten des Austauschs.
Auch die Freunde des Straßburger Radelclubs erfreuten sich nicht nur an der Bewegung, sondern vor allem an der gemeinsamen Meinungsbildung. Politische und gesellschaftliche Themen sowie der Drang, an einer verbesserten Welt mitzuwirken, bewegten die idealistischen Jugendlichen. Gleichzeitig blieb Radfahren ein gesellschaftlicher Aufreger. So waren nicht alle Menschen in Schweitzers Dorf von dieser „gottlosen“ Anschaffung des Pfarrersohnes angetan. Dennoch erwarb der spätere Friedensnobelpreisträger schon Anfang der 1890er Jahre sein erstes Fahrrad – und damit seine spätere Eintrittskarte in den Straßburger Radelclub. Zugleich legte er so den Grundstein für seine lebenslange Freundschaft mit Elly Heuss-Knapp.
Glaube mit Wirkung
Gerade als Theologe passte Schweitzer ausgezeichnet in den Freundeskreis. Die Diskussionen über soziale Fragen, Musik, Literatur oder Politik fanden auf einer dezidiert liberal-protestantischen Grundlage statt, die durch die Lektüre der Zeitschrift „Die Hilfe“ regelmäßig genährt wurde. Die Zeitschrift war von Friedrich Naumann gegründet worden, einem liberalen Politiker und ehemaligen Pfarrer. Innenpolitisch setzte sich Naumann für soziale Reformen und ein modernes Wahlrecht ein, außenpolitisch vertrat er dagegen ein nationalistisches Programm. Für den Straßburger Freundeskreis war entscheidend, dass Naumann ein „tätiges Christentum“ befürwortete – Religion sollte sich nicht ausschließlich als innerer Glaube manifestieren, sondern auch konkreten Ausdruck im eigenen Handeln finden. Bei Elly Knapp und ihren Freunden führte dieser religiöse Idealismus zu einer frühen Mitarbeit in den sozialen Gremien und Institutionen Straßburgs. So arbeitete Knapp in der Armenverwaltung mit und fühlte sich berufen, als Lehrerin jungen Mädchen bessere Chancen für ein selbstständiges Leben zu eröffnen. Schweitzer dagegen wollte als Missionar in Afrika wirken. Allerdings wurden in Afrika keine Theologen, sondern vor allem Ärzte gebraucht. Schweitzer begann daraufhin ein Medizinstudium, das der promovierte Theologe und Philosoph 1912 mit seinem dritten Doktortitel abschloss. Seiner Idee vom „tätigen Christentum“, das er in Afrika zu realisieren dachte, blieb er treu.
„Miteinander für etwas leben“ – die Ehe von Elly Heuss-Knapp und Theodor Heuss
Aufgrund dieses zusätzlichen Studiums war Albert Schweitzer weiterhin Vikar in Straßburg, als bei seiner Freundin Elly Knapp am 11. April 1908 die Hochzeit mit Theodor Heuss anstand. Die spätere „First Lady“ musste allerdings ihre ganze Überredungskunst aufbieten, um ihrem Bräutigam seinen Widerwillen gegen eine kirchliche Hochzeit zu nehmen. Heuss habe „doch viel übrig für liberalen Protestantismus“. Und außerdem nehme mit Schweitzer ein Pfarrer die Trauung vor, der nicht nur die üblichen „Plattheiten“ sagen könne, sondern ihnen als Freund gute Wünsche mit auf den gemeinsamen Weg geben werde. Diesen Vorschusslorbeeren wurde Schweitzer durchaus gerecht. Seine Predigt stellte die Heuss’sche Ehe unter das Motto „Ihr seid das Salz der Erde“ und betonte, dass die Verbindung nicht nur dem privaten Glück dienen sollte. Entscheidend sei, „miteinander für etwas“ zu leben.
Damit traf er den Nerv der Verbindung der beiden. Auf der Basis eines liberalen Verantwortungsprotestantismus übernahm das Ehepaar zahlreiche Aufgaben für ein größeres Ganzes. Heuss-Knapp unterrichtete weiterhin an Mädchenschulen, organisierte im Ersten Weltkrieg eine Arbeitsvermittlung für Frauen, stellte sich – allerdings erfolglos – 1919 als Kandidatin für die Nationalversammlung zur Verfügung, entwickelte in der Zeit des Nationalsozialismus innovative, zivile Werbung und ließ sich nach 1945 als Parlamentarierin sowie vor allem als „First Lady“ in die Pflicht nehmen. Heuss vertrat ab etwa 1900 als Journalist und Biograph, in der Weimarer Republik dann als Reichstagsabgeordneter und Verbandsfunktionär sowie nach dem Ende der NS-Diktatur als Verfassungsvater und Bundespräsident liberale, demokratische Werte.
Getrennte Wege – unsichere Zeiten
Nach der Hochzeit trennten sich die Lebenswege von Heuss-Knapp und Schweitzer: Sie lebte ab 1908 in Berlin; er ging 1913 als Arzt und Missionar nach Lambarene in Französisch-Äquatorialafrika, dem heutigen Gabun. Briefe zwischen den Kontinenten ersetzten seither persönliche Treffen.
So schrieb Elly Heuss-Knapp am Vorabend des Ersten Weltkriegs Helene Schweitzer-Bresslau einen aufgewühlten Brief. Weit entfernt von jeder Kriegsbegeisterung teilte sie ihrer Freundin mit: „Ich kann mir nicht helfen und will es mir selber später nie anders einreden, als dass ich im Moment des Kriegsausbruches an Stelle der Begeisterung nur Schauer vor der ansteckenden Geisteskrankheit empfunden habe, die rings herum ihre Opfer fordert.“[1] Eine Antwort ist nicht erhalten; die Schweitzers werden auch ihre eigenen Sorgen gehabt haben. Als deutsche Staatsbürger in Französisch-Äquatorialafrika konnten sie ab 1914 nur noch unter Aufsicht arbeiten, wurden 1917 ausgewiesen und in Frankreich interniert, bevor sie schließlich nach Straßburg durften. Eine Rückkehr nach Lambarene war Schweitzer erst 1924 möglich, allerdings ohne seine Familie, da Helene Schweitzer-Bresslau an Tuberkulose erkrankt war.
Ein Brief Elly Heuss-Knapps vom Januar 1939 spiegelt dagegen nichts vom Alltag in der nationalsozialistischen Diktatur wider. Unverfänglich erkundigte sie sich nach den Gesangskünsten der Tochter Rhena Schweitzer und berichtete über ihre Arbeit als Werbefachfrau – dabei konnten sie und ihr Mann längst nicht mehr in ihren eigentlichen Berufen arbeiten. Doch Helene Schweitzer-Bresslau und Rhena waren derweil selbst der Bedrohung durch die Nazis ausgesetzt: Schweitzer-Bresslau war zwar evangelisch getauft, galt aber aufgrund ihrer jüdischen Eltern nach den nationalsozialistischen Rassegesetzen als Jüdin. Auf der Suche nach einem geschützten Platz irrte sie zwischen Deutschland und Frankreich umher, bis sie schließlich 1941 nach Lambarene fliehen konnte.
Schweitzer, zu dieser Zeit schon international geschätzt, äußerte sich jedoch nicht zu den Gräueltaten der Nazis, obwohl seine eigene Familie von der Verfolgung der Juden betroffen war. Dabei genoss er unter den Nazis sogar ein gewisses Ansehen: Goebbels hätte ihn gerne als Organist und für Vorträge nach Deutschland geholt. Das mit dem „Deutschen Gruß“ unterzeichnete Ansinnen lehnte Schweitzer allerdings mit „Zentralafrikanischem Gruß“ ab. Warum also prangerte er die nationalsozialistischen Verbrechen nicht an? Vermutlich empfand er sich mit seiner medizinischen Lebensaufgabe in Afrika vor allem als unpolitisch, eine Haltung, die er mit vielen Deutschen teilte und die er erst in den 1950er Jahren als überzeugter Atomwaffengegner aufgab.
Steigende Bekanntheit - wachsende Aufgaben
Sowohl das Ehepaar Heuss als auch Albert Schweitzer gewannen nach dem Krieg an Bekanntheit. Insbesondere die USA hatten auf jemanden wie Schweitzer geradezu gewartet. Endlich ein „guter Deutscher“ – den benötigten amerikanische Politikstrategen im beginnenden Kalten Krieg dringend, um amerikanische Steuergelder nun ohne Protest der Bevölkerung zugunsten des einstigen Kriegsgegners zu verwenden. Doch auch in der Bundesrepublik waren Personen mit einer vom Nationalsozialismus unbefleckten Vergangenheit gefragt. Beim politischen und gesellschaftlichen Aufbau der Bundesrepublik griffen die Alliierten auf Deutsche zurück, die als Demokraten und Gegner der Nationalsozialisten bekannt waren. So wurde auch das Ehepaar Heuss unmittelbar nach Kriegsende mit verantwortlichen Aufgaben betraut, die die beiden letztlich an die westdeutsche Staatsspitze brachten. 1949, als Schweitzer in den USA seine Triumphe feierte, wurde Theodor Heuss zum ersten Bundespräsidenten gewählt.
Schweitzer war begeistert, nicht zuletzt, weil durch Heuss – und unausgesprochen auch dessen Frau – „etwas von dem Geiste Naumanns in unserer Zeit lebendig erhalten und wirksam“ werde. Die gemeinsame Basis aus Jugendzeiten, nämlich der gelebte Glaube im Sinne Naumanns, wurde hier von Schweitzer erneut beschworen.
Etwa gleichzeitig entwickelte sich Schweitzer zu einem Pazifisten, der zunehmend gegen Atomwaffen Stellung bezog. Diese Haltung, seine wissenschaftlichen Leistungen als Philosoph und Theologe sowie sein Einsatz für die Kranken in Gabun brachten ihm in den 1950er Jahren renommierte Preise ein, an denen das Ehepaar Heuss gelegentlich seinen Anteil hatte. So befand die „First Lady“ schon 1949/1950, ihr langjähriger Freund sei der beste Kandidat für den Friedensnobelpreis. Dieser reagierte entsetzt auf das Ansinnen und schrieb dem Mitinitiator Otto Fischer:
„Lieber Freund, […] in der Sache des Nobelpreises falle ich dir doch in den Arm und allen, die diese Sache mit dir betreiben. […] Ich will ihn nicht und habe meine Gründe. […] Und die Elly Heuss, dieses brave Frauenzimmer, soll entscheiden, ob man gegen meinen Willen weiter dafür agiert, dass mir der Friedenspreis verliehen wird.“
Elly Heuss-Knapp blieb keine andere Wahl, als das Projekt ruhen zu lassen. Dass Schweitzer den Friedensnobelpreis 1952 dann doch noch erhielt, hat sie nicht mehr erlebt. Sie starb am 19. Juli 1952; er überlebte sie um 13 Jahre. In seinem Kondolenzbrief schrieb Schweitzer an Heuss: „Ich war so froh, dass sie den Lebensweg mit mir ging.“[2]
Gelebter Glaube - Kritik und Fazit
Sich einzumischen, Politik und Gesellschaft auf christlicher Basis mit zu gestalten und den christlichen Glauben in tätigem Handeln zu praktizieren – das war die gemeinsame Grundlage der Freundschaft zwischen Elly Heuss-Knapp und Albert Schweitzer. Das Resultat dieses praktisch umgesetzten Christentums, das in den 1950er und 1960er Jahren uneingeschränkte Bewunderung fand, wird heute ambivalenter gesehen.
So leistete Schweitzer in seinem Spital zwar unter unwirtlichen Bedingungen medizinische Hilfe, war dabei aber nicht frei von kolonialem Gedankengut. Das Ende der kolonialen Herrschaft in Afrika schien ihn nicht zu interessieren. Im Gegenteil, er riet sogar von einer Dekolonialisierung ab. Statt sich mit der ihn unmittelbar umgebenden Kultur auseinanderzusetzen, schrieb er kulturphilosophische Abhandlungen oder setzte sich für Weltfrieden und atomare Abrüstung ein. Elly Heuss-Knapp war nie die internationale moralische Instanz wie ihr Jugendfreund, doch ihr Engagement als „First Lady“ stößt heute ebenfalls auf Kritik. Dass sie als „First Lady“ ihre Berufstätigkeit zurückstellte, gilt als mangelnde Vorbildfunktion für junge Frauen. Und auch dem Müttergenesungswerk wird gelegentlich vorgeworfen, es vertrete ein antiquiertes Frauen- und Mutterbild und strebe keine strukturellen Veränderungen wie eine fairere Verteilung familiärer Lasten an.
Die Kritik ist durchaus berechtigt – doch die Verdienste beider sollen darüber nicht vergessen werden. Schweitzer trug die Notwendigkeit einer weltweiten medizinischen Versorgung sowie seine Warnung vor Atomwaffen in eine breite Öffentlichkeit. Heuss-Knapp legte ihren Finger auf eine Leerstelle im gesellschaftspolitischen Leben der jungen Bundesrepublik und verband als junge Frau Familie und Beruf auf innovative, moderne Weise.
Motiviert durch ihren christlichen Wertehorizont suchten Elly Heuss-Knapp und Albert Schweitzer ihre Gegenwart mitzugestalten – und in dieser Hinsicht lohnt es sich bis heute, sich mit den beiden auseinanderzusetzen. Jede Demokratie lebt vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Dass es dabei zu Fehleinschätzungen und blinden Flecken kommt, ist in die menschliche Natur eingeschrieben und macht die Beschäftigung mit historischen Personen spannend. Das Ergebnis sind keine Helden der Demokratiegeschichte, sondern die Auseinandersetzung mit dem Ringen um den richtigen Weg und dem eigenen Wertefundament. Darauf sollten wir auch heute nicht verzichten.
Anmerkungen
[1] Elly Heuss-Knapp an Helene Schweitzer-Bresslau, 30.7.1914, in: Archives Albert Schweitzer, Günsbach.
[2] Albert Schweitzer an Theodor Heuss am 15.8.1952, in: Nachlass Theodor Heuss, SBTH – BArch N 1221 201/1, Stuttgart.