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Die Außenminister Deutschlands, Englands und Frankreichs bei den Verhandlungen von Locarno im Oktober 1925, v.l.n.r. Gustav Stresemann, Austen Chamberlain, Aristide Briand (Quelle: Wikimedia Commons/Bundesarchiv, Bild 183-R03618 / CC-BY-SA 3.0)

Geist und Anti-Geist von Locarno

Vor 100 Jahren versuchten mehrere europäische Regierungsvertreter, mit den Verträgen von Locarno den Frieden und die Verständigung in Nachkriegseuropa abzusichern. Die Historikerin Vanessa Conze erklärt im 3einhalb Fragen-Interview, welche Europaideen in Locarno vorherrschten und welche Relevanz die Verträge für die heutige internationale Ordnung haben.

Themenfelder:
  • 100 Köpfe der Demokratie
  • 3einhalb Fragen
  • Erinnerung

Frau Conze, bedeutsamen Konferenzen wird häufig ein gewisser „Spirit“ nachgesagt. Was war 1925 der „Geist von Locarno“?

Mit dem „Geist von Locarno“ haben sich die Zeitgenossen auf die spezifische Atmosphäre bei der Konferenz von Locarno bezogen: Die Stimmung war geprägt von persönlichem Austausch der Politiker und Diplomaten, auch jenseits der offiziellen Verhandlungen. Diese neue Art der Kommunikation ermöglichte – nach Jahren der unversöhnlichen Konfrontation – inhaltliche Kompromisse. Jenseits der Konferenz selbst entwickelte sich das Schlagwort vom „Geist von Locarno“ bald zum Synonym für die Hoffnung, die viele Zeitgenossen mit der Konferenz verbanden: Eine Hoffnung auf „wahren“ Frieden, der nun, sieben Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, durch die Kraft der Versöhnung endlich möglich schien. Doch von Anfang an gab es auch so etwas wie einen „Anti-Geist“ von Locarno: Im Deutschen Reich etwa als „Locarno-Psychose“ (Kuno Graf von Westarp, DNVP) verunglimpft, wurden die Konferenzergebnisse diskreditiert und delegitimiert. So rief der „Geist von Locarno“ große Hoffnungen und großen Hass zugleich hervor. 

Die Außenminister Frankreichs und Deutschlands, Aristide Briand und Gustav Stresemann, erhielten 1926 für ihre Bemühungen um eine deutsch-französische Verständigung den Friedensnobelpreis. Welchen Stellenwert nimmt Locarno für die Geschichte der Aussöhnung der beiden Länder ein?

Locarno war vielleicht vor allem in den deutsch-französischen Beziehungen eine „Zeitenwende“ – zumindest temporär. Die Bereitschaft, sich nach Jahren der blutigen Konfrontation auf das Gegenüber einzulassen, die Interessen des Anderen in die eigene Politik hineinzudenken und kompromissbereit zu kommunizieren, überwand erstmals seit vielen Jahrzehnten das Narrativ der sogenannten „Erbfeindschaft“. In Locarno zeigte sich eine Politik des Vertrauens, die auf der Überzeugung beruhte, dass Frieden und Sicherheit in Europa nur durch Verständigung und Gewaltverzicht zwischen Frankreich und Deutschland möglich sind. Zwar fand diese Entwicklung Anfang der 1930er Jahre wieder ihr Ende und wurde durch eine neue Politik der Konfrontation ersetzt. Die deutsch-französische Verständigung nach 1945 fand dann unter völlig anderen Bedingungen statt. Doch die in Locarno symbolisierte Idee konnte auch nach dem Zweiten Weltkrieg – und vielleicht bis heute – als Vorbild dienen.

Locarno 1925. Von Chancen und Grenzen einer Zeitenwende

Vortrag von Prof. Dr. Vanessa Conze am 5. November 2025, 18 Uhr, im Theodor-Heuss-Haus

1925 gelang es mit den Verträgen von Locarno, das konflikthafte Gegeneinander der europäischen Nationalstaaten erstmals nach dem Ersten Weltkrieg zu entspannen. Die daraus hervorgegangene „Verständigungspolitik“ ist bis heute mit den Namen Gustav Stresemann und Aristide Briand verbunden, doch sie konnte nur für wenige Jahre wirksam sein. Dennoch stellen die Verträge von Locarno ein zentrales Moment in der europäischen Geschichte dar, auf das es sich 100 Jahre später zurückzuschauen lohnt – gerade heute in Zeiten zunehmender internationaler Verwerfungen.

Weitere Informationen zum Vortrag finden Sie unter Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus | Locarno 1925. Von Chancen und Grenzen einer Zeitenwende

Ihren Vortrag haben Sie mit „Von Chancen und Grenzen einer Zeitenwende“ überschrieben. Welche Lehren bieten die Verträge von Locarno für unsere Gegenwart, in der multilaterale Vereinbarungen und deren Verbindlichkeit zu Gunsten „großer Deals“ immer mehr in Frage gestellt werden?

Locarno lehrt uns vor allem, wie schwierig es ist, eine Politik des Multilateralismus und der Verständigung nicht nur zu etablieren, sondern zu verstetigen. Das Scheitern der Verständigungspolitik um 1930 zeigt uns, wie fragil multilaterale Ordnungen sind. Angesichts der unverändert zentralen Bedeutung der Nationalstaaten in der internationalen Ordnung sind Völkerrecht und Multilateralismus bis heute auf die Selbstverpflichtung nationaler Akteure angewiesen. Gerade das deutsche Beispiel der 1920er Jahre zeigt, wie leicht eine kompromissbereite, multilateral ausgerichtete Verständigungs- und Sicherheitspolitik im nationalen Raum durch Populisten und Antidemokraten unter Druck geraten kann. Gleichzeitig jedoch, und das sollten wir uns ebenfalls vor Augen führen, kann Locarno uns auch als positives Beispiel dienen: Als Beispiel dafür, dass Wandel in der Politik grundsätzlich möglich ist, dass Politik immer gestaltbar ist. 

Sie haben in Tübingen und Aix-en-Provence studiert – welchen Ort verbinden Sie ganz persönlich mit der deutsch-französischen Aussöhnung?

Vielleicht verbinde ich weniger einen Ort mit der deutsch-französischen Aussöhnung, sondern mein Studium selbst: ein deutsch-französischer Doppelstudiengang, der mich die Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft nicht in einem abstrakten Sinne, sondern ganz persönlich gelehrt hat. Auch heute erlebe ich als Lehrende in solchen Doppelstudiengängen, welche Horizonte das transnationale Leben eröffnet. Und, wenn es dann auch noch ein konkreter Ort sein soll, dann habe ich natürlich bis heute mein Herz an Aix-en-Provence verloren.

Vanessa Conze

ist seit 2022 Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört unter anderem die Geschichte der europäischen Integration.

Redaktion Die Redaktion des Theoblog regt Beiträge an, stellt Fragen, organisiert und liest Korrektur. Und gelegentlich schreiben die Redakteure auch selbst. 

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