- 20. September 2025
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Herkunft aus einfachen Verhältnissen
Matthias Erzberger stammte aus einfachen Verhältnissen von der Schwäbischen Alb. Die Ausbildung zum Volksschullehrer – den Besuch eines Gymnasiums oder gar ein Studium konnten die Eltern nicht bezahlen – führten ihn weg aus seinem Geburtsort Buttenhausen, der heute zu Münsingen gehört. 1896 verließ er auf eigenen Wunsch den Schuldienst, um als politischer Journalist in Stuttgart zu wirken. Ehrenamtlich engagierte er sich für die katholische Zentrumspartei und wirkte beim Aufbau eines katholischen Vereins- und Verbandswesens im mehrheitlich protestantischen Württemberg mit. Hilfe zur Selbsthilfe war sein Credo.
Am Puls des politischen Lebens in Berlin
1903 wurde er nach einem kurzen intensiven Wahlkampf in den Reichstag gewählt. Sein Wahlkreis lag in Oberschwaben. Erzberger entschloss sich, seinen Wohnsitz in Württemberg aufzugeben und nach Berlin umzuziehen. Wer politische Ziele durchsetzen wollte, so hatte er erkannt, musste präsent und schnell sein. Während wichtige Zentrumspolitiker für Entscheidungen erst aufwändig aus dem Rheinland, dem Münsterland, Bayern oder Württemberg anreisen mussten, war er bereits vor Ort und handlungsfähig. Aber so sehr sein Berliner Wohnsitz Erzberger es erleichterte, sich vom Newcomer und Hinterbänkler zu einem der bekanntesten Reichstagsabgeordneten zu entwickeln, so bedeutete die räumliche Distanz zu seinem Wahlkreis eine große Herausforderung.
Dieser versuchte Erzberger mit unterschiedlichen Mitteln zu begegnen. Aus der Not, dass es 1903 für Reichstagsabgeordnete noch keine Entschädigungen für Abgeordnete gab und er irgendwie den Lebensunterhalt für sich und seine Familie finanzieren musste, machte er eine Tugend: Er übernahm eine kleine Nachrichtenagentur, über die er abendlich Berichte aus dem politischen Berlin an Tageszeitungen in Süddeutschland verschickte. Diese meist Erzbergers Partei nahestehenden lokalen Presseorgane konnten sich keinen eigenen Berlin-Korrespondenten leisten, erhielten aber über Erzbergers Nachrichtenagentur tagesaktuelle Informationen eines politischen Insiders. Erzberger verdiente so nicht nur Geld, sondern machte zugleich auch seine Person in der publizistischen Öffentlichkeit bekannter.
Rechenschaft und Werbung in eigener Sache
Außerdem verfasste er jährlich in hoher Auflage und für kleines Geld vertriebene Broschüren, in denen er in gut verständlicher Sprache vorstellte, wofür die Zentrumspartei im Reichstag gekämpft und was sie erreicht hatte. Rechenschaft ablegen, komplexe politischen Fragen erklären und für die eigene Partei werben, gingen Hand in Hand. Erzberger unterließ es nicht, sein eigenes Wirken gebührend hervorzustellen.
Diese jährlichen Rechenschaftsberichte seiner Partei ergänzte Erzberger um themenbezogene Broschüren. 1906 etwa beschrieb er nicht nur den Beitrag der Zentrumspartei bei der Erarbeitung eines neuen Militärpensionsgesetzes. Er verfasste auch einen Anhang, in dem er in einfacher Sprache erklärte, welche Schritte Antragsteller gehen und wie Formulare auszufüllen waren, damit Berechtigte auch wirklich in den Genuss der Leistungen kamen und nicht an der Bürokratie scheiterten. Einmal mehr blitzten hier Erzbergers Herkunft aus einfachen Verhältnissen und seine Erfahrungen als Volksschullehrer auf.
Ein „wandelnder“ Petitionsausschuss
Auch wenn Berlin aus württembergischer Sicht weit weg war, funktionierte die Post doch hervorragend und Briefe waren häufig schon am Folgetag zugestellt. Während der Sitzungsperioden des Reichstags erhielt Erzberger täglich zahlreiche Schreiben, in denen Menschen ihre großen und kleinen Anliegen vortrugen. Erzberger bemühte sich zu helfen, wo er konnte. Er stellte Kontakte her, erklärte die Rechtslage oder hakte bei Behörden nach, wenn Verwaltungsvorgänge sich in die Länge zogen. Dass letzteres manchem preußischen Beamten als Übergriff eines Parlamentariers gegenüber dem Staat erschien – und das noch von einem Schwaben! –, sei nur am Rande erwähnt. Für Erzberger gehörte ein solches Verhalten zu den Aufgaben und Pflichten eines Volkvertreters und war Teil seines Kampfes gegen die obrigkeitsstaatliche Prägung des Deutschen Kaiserreiches.
In den Wochen und Monaten, in denen der Reichstag nicht tagte, reiste Erzberger durch die katholischen Teile Württembergs, trat dort in Städten, Orten und Dörfern auf und setzte sich in Kneipen und Gasthäusern zu den Gästen. Gerade diese mobilen Sprechstunden waren für ihn eine wichtige Möglichkeit, engen Kontakt zu jenen potentiellen Wählern und ab 1918 auch Wählerinnen zu halten, für die Briefe schreiben eine hohe kommunikative Hürde darstellte.
Politische Kontroversen und Fehlerkultur
Bei diesen Reisen und Kontakten zeigten sich wichtige Seiten von Erzbergers Politik- und Demokratieverständnis. Dass bei Parteiveranstaltungen auch politische Gegner anwesend waren und eine Redegelegenheit bekamen, war damals in Württemberg an vielen Orten noch verbreitet. Erzberger warf sich immer wieder mit großer Begeisterung in solche Redeschlachten, bei denen so manches Mal – auch im Dialekt – auf einen groben Klotz ein Keil kam. Das schloss aber keineswegs aus, dass sich die Kontrahenten hinterher im Gasthaus trafen. Ein politischer Gegner Erzbergers betonte im Rückblick, dass Erzberger nicht nur nichts gegen eine solche Praxis gehabt habe, vielmehr habe dieser die Gelegenheiten zu Austausch, Selbstreflexion und Selbstkritik genutzt. 1921 habe Erzberger ihm gegenüber bei einem solchen Abend betonte, er sei der erste, der zugebe, dass er in seiner politischen Laufbahn Fehler gemacht habe und besonders im Ersten Weltkrieg lange gebraucht habe, bis er erkannt habe, dass eine fundamentale politische Veränderung zwingend nötig sei.
Die Bereitschaft von Volksvertretern zu lernen oder gar eigene Positionen aufzugeben, war damals politisch und gesellschaftlich höchst umstritten. Viele Deutsche sahen in einem solchen Politikverständnis mangelnde Grundsatztreue, charakterliche Verdorbenheit und Verrat an der eigenen Haltung. Max Weber erörterte 1919 diese konfligierenden Auffassungen von Politik unter den Schlagworten Verantwortungs- und Gesinnungsethik. Erzberger warb immer wieder für eine Politik auf Basis einer Verantwortungsethik.
Grundkonflikte der Weimarer Republik
Diese Kontroverse war insbesondere ab 1917 aufs engste verbunden mit den innenpolitischen Kämpfen um die deutschen Kriegsziele, um die Bereitschaft zu Frieden und um eine Demokratisierung der politischen Ordnung des Deutschen Kaiserreichs. Erzberger trug maßgeblich dazu bei, dass sich ab Sommer 1917 eine Mehrheit des Reichstages aus Sozialdemokraten, Liberalen und katholischer Zentrumspartei für eine Verständigung mit den Kriegsgegnern aussprach und schrittweise mehr Rechte für das Parlament gegenüber Militär und Reichsleitung durchsetzte. Diese mühsamen Erfolge der Reichstagsmehrheit konnten allerdings den Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs 1918 angesichts der militärischen Niederlage Deutschlands und des starken innenpolitischen Widerstands der alten Eliten nicht verhindern. Langfristig war wichtig, dass ab 1917 mit (Mehrheits-)Sozialdemokraten, Liberalen und politischem Katholizismus jene politischen Kräfte dauerhaft zusammenarbeiteten, die nach dem Krieg in Deutschland eine parlamentarische Demokratie schaffen und diese als sogenannte Weimarer Koalition tragen sollten. Erzberger spielte eine Schlüsselrolle dabei, dass sich die katholische Zentrumspartei auf diesen Weg einließ und auch in der Deutschen Revolution von 1918/19 weiter ging. Denn lange Zeit vorher hatten sich die drei politischen Kräfte als weltanschauliche Feinde wahrgenommen und attackiert. Erzberger gestaltete diesen Weg als einflussreicher Abgeordneter und ab 1918 als Minister mit, der 1919 zudem Vizekanzler wurde.
Werbung für den politischen Kompromiss
Vor diesem Hintergrund war es Erzberger ein sehr wichtiges Anliegen, immer wieder in die Gesellschaft hineinzuwirken, für Demokratie zu werben und das Funktionieren der neuen politischen Ordnung zu erklären. Ein zentrales Thema war dabei der Kompromiss als Ziel demokratischer Aushandlungsprozesse in einer stark fragmentierten Gesellschaft. So betonte Erzberger 1920 beim Reichsparteitag des Zentrums:
„Mit dem Eintritt in die Koalition gibt man keine Grundsätze auf. Man muß aber Opfer zu bringen bereit sein, um Gegenwerte einzutauschen. Das Wesen der Koalition zwingt, Ausgleiche herbeizuführen.“[1]
Wehrhafte Demokratie
In einer Zeit, in der die Gegner der neu geschaffenen Demokratie mit Hass, Hetze und Gewalt versuchten, die neue Ordnung zu zerstören, in der es immer wieder zu Putschversuchen, bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen und politischen Morden kam, warb Erzberger für das, was wir heute unter „wehrhafter Demokratie“ diskutieren. So betonte er – inzwischen Vizekanzler und Finanzminister – am 14. August 1919 in der Weimarer Nationalversammlung:
„Wer den Kampf gegen die Regierung proklamiert, der hat mit Gegenmaßnahmen zur rechnen, und zwar mit allen erlaubten Gegenmaßnahmen, die einer Regierung zur Verfügung stehen; denn wir würden unserer Verantwortung vor der Geschichte nicht gerecht werden, wenn wir einer Partei, die nicht nur den Kampf gegen die Regierung ansagt, sondern auch den Kampf gegen die neue Verfassung proklamiert [...] nicht mit den schärfsten Mitteln entgegenträten.”[2]
Erzberger war in den vergangenen Monaten des Jahres 1919 für die radikale Rechte zum zentralen Feindbild und zur Verkörperung der verhassten Demokratie geworden, stand im Zentrum zahlreicher Hetzkampagnen und hatte sich sechs Wochen vorher in Weimar gerade noch einem Lynchversuch entziehen können.
Hetze und Gewalt als Angriff auf die Demokratie
Sein vehementes Eintreten für die Demokratie, sein Wirken für ein Ende des Ersten Weltkrieges und sein Plädoyer für die Akzeptanz der deutschen Niederlage im Krieg hatten ihn zum „bestgehaßten aller deutschen Politiker“[3] gemacht, wie der evangelische Theologe und scharfsinnige Kommentator der Zeitläufte Ernst Troeltsch in seinen Spectator-Briefen schrieb. Dass Erzberger öffentlich die Dolchstoß-Lüge bekämpfte und als Finanzminister im Rahmen einer großen Steuer- und Finanzreform unter anderen Besitz stärker besteuerte und versuchte, Kriegsgewinne wieder abzuschöpfen, machten ihn gerade bei Angehörigen der alten wilhelminischen Eliten nur noch mehr verhasst.
Politiker der Deutschnationalen Volkspartei – ein ehemaliger Vizekanzler einer kaiserlichen Regierung tat sich besonders hervor – radikalisierten die Stimmung systematisch und entwickelten bei Parteiveranstaltungen eine Art Choreografie, bei der ein Redner der Menge zurief, „Fort mit Erzberger“, und diese mit „Lyncht ihn“, „Schlagt ihn tot“, antwortete. Weitere Lynchversuche in Berlin und Stuttgart, ein Pistolenattentat in Berlin oder ein Handgranatenangriff auf eine Erzberger-Veranstaltung in Esslingen waren die Folgen. Am 26. August 1921 ermordeten rechtsextreme Terroristen Erzberger im Schwarzwald bei Bad Griesbach. Die Täter gehörten der antirepublikanischen Geheimorganisation Consul an, die mit dem Anschlag einen rechten Putsch gegen die Weimarer Republik einleiten und die Demokratie durch eine autoritäre Herrschaft ersetzen wollten.
Die Spaltung der deutschen Gesellschaft
Wie sehr Hass und Hetze, die gezielt an Vorbehalte gegen Parteien und Demokratie appelliert hatte, Resonanz in der Gesellschaft gefunden hatten, zeigte sich nach der Ermordung Erzbergers. An zahlreichen Hochschulen sangen Studenten öffentlich auf der Melodie eines evangelischen Chorals: „Nun danket alle Gott für diesen braven Mord“. Nicht anders sah es in Teilen der Presse aus. So schrieb etwa die Niederschlesische Allgemeine Zeitung: „Ein schuldiges Haupt ist gefallen, Erzbergers unheilvolles Werk ist zu Ende.“ Die Nürnberger Volksstimme kommentierte: „Dem Ende dieses gewissenlosen Abenteurers ein Wort des Bedauerns zu schenken, wäre niedrigste Heuchelei. Sein Maß war gerüttelt voll und ein Wunder ist es nur, daß heute erst die Kugel den Weg zu seinem Leben fand.”[4] Und in einem anonymen Schmähbrief an die Witwe Erzbergers hieß es: „Mit der größten Befriedigung habe ich die Nachricht von dem Ende des Erzgauners, Lumpen, Halunken, Schwindlers, Verräters und Schuftes Erzberger aufgenommen. Gott sei Dank, dass das Aas tot ist.“[5]
Die Anhänger der Republik waren hingegen entsetzt über den Mord an Erzberger. An unzähligen Orten gab es Demonstrationen, bei denen Menschen ihrer Trauer Ausdruck verliehen und gegen politischen Terror von rechts protestierten. In Stuttgart und Karlsruhe etwa waren es Zehntausende, in Berlin sollen es sogar eine halbe Millionen Menschen gewesen sein.
Und Erzbergers Beisetzung zeigte einmal mehr, wie sehr es ihm gelungen war, trotz der großen Distanz zwischen Berlin und seinem süddeutschen Wahlkreis Kontakt zu halten und Bindungen zu pflegen. Die katholische Gemeinde der Stadt Biberach an der Riß, einem wichtigen Zentrum von Erzbergers langjährigen Wahlkreis, bot der Familie ein Ehrengrab an, sodass die Witwe von einer Beisetzung in Berlin absah. Die Beerdigung selbst war Trauerfeier und politische Demonstration in einem, zu der der Reichskanzler eigens aus Berlin anreiste. 30.000 Menschen – dreimal mehr als Biberach Einwohner hatte – nahmen teil, die teils mit Sonderzügen, teils stundenlang zu Fuß unterwegs waren. Sie verabschiedeten sich von ihrem Abgeordneten und erinnerten ihn als Märtyrer der katholischen Sache und der Demokratie.
[1] Offizieller Bericht des Ersten Reichsparteitages der Deutschen Zentrumspartei. Tagung zu Berlin vom 19. bis 22. Januar 1920, Berlin [o.J.].
[2] Verhandlungen der verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung, Berlin 1920, S. 2433 (79. Sitzung/14.8.1919).
[3] Ernst Troeltsch, Spectator-Briefe. Aufsätze über die deutsche Revolution und die Weltpolitik 1918–1922 [Neudruck], Aalen 1966, S. 79.
[4] Die vorstehenden Zitate werden zitiert nach Der Pöbel am Grabe, in: Deutsche Republik 1 (1926/27), H. 44, S. 705.
[5] Bundesarchiv Koblenz N 1342/47. Abgebildet in: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hg.), Gier. Hass. Liebe. Was uns bewegt, Stuttgart 2022, S. 98.