- 28. April 2026
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- Gesellschaft
- Schwerpunkt Antisemitismus
Bestandsaufnahme
Im öffentlichen Diskurs über Antisemitismus an Hochschulen wird häufig der 7. Oktober 2023 als Ausgangspunkt angesprochen. Dies ist auf der einen Seite richtig, stiegen doch antisemitische Vorfälle an Hochschulen nach dem größten antijüdischen Massenmord seit der Shoah tatsächlich an und trauten sich nun auch viele „linke“, postkolonial geprägte Akademiker ihren Judenhass in Form vermeintlicher Israelkritik, vorgeblicher Solidarität mit „den Menschen in Gaza“ oder fehlender Empathie mit den Opfern ausdrücken zu können. Die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel bringt es auf den Punkt: „Der 7. Oktober war ein Dammbruch: Die lange und mühsam aufgebauten Mauern zur Ächtung von Judenhass […] brachen zusammen und Fluten aufgestauter israelfeindliche Emotionen wälzten jede Regung von Menschlichkeit wieder.“[1]
Auf der anderen Seite ist Antisemitismus an Hochschulen keineswegs ein neues Phänomen. Vielmehr sind antisemitische Positionen schon seit dem 19. Jahrhundert fest in akademischen Kreisen verankert. Es ist ein Irrtum anzunehmen, Antisemitismus sei ein Monopol rechtsextremer marginalisierter Gruppen. Es waren Professoren wie der Historiker Heinrich von Treitschke, die in Aktionen wie dem Berliner Antisemitismusstreit (1879-1881) Judenfeindschaft propagierten und wissenschaftlich verbrämt auch für Akademiker anschlussfähig machten. Antisemitismus kommt somit schon immer aus der Mitte der Gesellschaft, deren Spiegel Hochschulen selbstverständlich sind.
Diesem „gebildeten Antisemitismus“ gelingt es heute, sich durch rhetorische Verschleierungstechniken und Codierungen zu rechtfertigen. Er tritt weniger als primärer, sondern vielmehr als israelbezogener Antisemitismus in Erscheinung. Durch diese Anpassungstechniken wird die gesellschaftliche Akzeptanz erhöht, da eine Decodierung antisemitischer Aussagen oder Handlungen vertiefte Kenntnisse der Rezipienten voraussetzt. Doch Hochschulen waren auch schon in jüngerer Vergangenheit, noch vor dem 7. Oktober 2023, Schauplätze des Antisemitismus. Im Jahr 2016 wurden z. B. im Rahmen eines Seminars an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim antisemitische Lehrmaterialien verteilt. Die Hochschulleitung zeigte sich gegen geäußerte Einwände gleichgültig und nahm das Seminar erst nach mehreren Gutachten und öffentlicher Kritik aus dem Vorlesungsprogramm.[2] Eine langsame Institutionalisierung von Antisemitismus noch im vergangenen Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird an diesem Beispiel deutlich.
Auch unter Studierenden ist Antisemitismus ein weit verbreitetes Phänomen. In seiner interviewbasierten Studie „Gebildeter Antisemitismus an Universitäten in Deutschland“ kommt Johannes Sosada zu erschreckenden Ergebnissen, die zeigen, dass unter vielen Studierenden nicht nur der israelbezogene und Post-Shoah-Antisemitismus verbreitet ist, sondern auch immer noch Ausprägungen des ‚klassischen‘ Antisemitismus auftreten. So ist z.B. das Bild des vorgeblichen „Geldjuden“[3] auch unter gegenwärtigen Studierenden ein populärer Topos.
Für jüdische Studierende sind Hochschulen Orte der Bedrohung, an denen Sie ihre Identität nicht mehr angstfrei ausleben können. Jeder fünfte bis sechste Studierende vertritt offen antisemitische Haltungen.
Der 7. Oktober aus Sicht jüdischer Menschen an Hochschulen
Mit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 fand an Hochschulen ein radikaler Umbruch statt, welcher die dort bereits vorherrschenden, hier schon beschriebenen Dynamiken verstärkte. Für jüdische Studierende sind Hochschulen seitdem Orte der Bedrohung, an denen sie ihre Identität nicht mehr angstfrei ausleben können. Die aktuelle Studie zu Antisemitismus an deutschen Hochschulen der Universität Konstanz bestätigt diese Angst. Jeder fünfte bis sechste Studierende vertritt offen antisemitische Haltungen; knapp die Hälfte der Studierenden ist sich unsicher, was das Existenzrecht Israels angeht. Protestcamps, besetzte Hörsäle und Angriffe auf jüdische Studierende gehören längst zur Realität, mit der sich Hochschulen aktuell konfrontiert sehen, ohne dagegen wie z. B. im Fall der TU Berlin angemessen umzugehen. Seit Oktober 2023 haben studentische Resolutionen der antisemitischen BDS-Initiative, häufig mit Unterstützung der Lehrenden, an Hochschulen erheblich zugenommen; seit 2023 wurden weltweit über 1000 Fälle akademischer Boykottmaßahmen gegen jüdische Forscher oder israelische akademische Einrichtungen dokumentiert.
Die Hochschulen zeigen als Institutionen nicht alle ausreichendes Engagement bei der Bekämpfung von Antisemitismus auf dem Campus. Im Umgang mit antisemitischen Veranstaltungen und Gästen bleiben Hochschulleitungen mit dem Argument der Wissenschaftsfreiheit häufig entweder aus Angst vor schlechter Presse oder aus klammheimlicher Zustimmung auffallend passiv. Für jüdische Studierende ist ein normaler Hochschulalltag seit 2023 daher oft nicht mehr möglich und viele fühlen sich im Stich gelassen. Dies ist eine fatale Entwicklung in einem ehemaligen Täter-Land, das sich so viel auf seine „Vergangenheitsbewältigung“ zu Gute hält. Ob der Schaden, der seit 2023 gegenüber in Deutschland lebenden Juden und Jüdinnen noch einmal „repariert“ werden kann, wird innerhalb der jüdischen Community mittlerweile mehrheitlich angezweifelt – eine wissenschaftliche Katastrophe und eine moralische Schande zugleich für die deutsche akademische Welt.
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit
Mit dem Studienprofil “Antisemitismuskritische Bildungsarbeit" gehört die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg zu den Vorreitern in der akademischen Hochschullehre. Studierende aller Fächer an der PH können seit dem Wintersemester 2023/24 aus interdisziplinärer Perspektive Kompetenzen im Umgang mit Antisemitismus erwerben. Zugleich vermittelt das Studienprofil Kenntnisse zur Geschichte des Judentums sowie zur jüdischen Gegenwart.
Handlungsmöglichkeiten
Trotzdem oder besser: genau deshalb, müssen Hochschulen zu Orten der Antisemitismusprävention werden. Dabei darf es nicht nur um Symptombekämpfung gehen. Vielmehr sollte antisemitismuskritische Bildungsarbeit ein fester Bestandteil der Lehre an Hochschulen sein. Hierfür müssen die Belange jüdischer Studierender und Hochschulmitarbeitender beachtet und muss ihre Perspektive miteinbezogen werden. Die Jüdische Studierendenunion Deutschland veröffentlichte im November 2025 einen umfangreichen Forderungskatalog mit dem Ziel, eine Entwicklung hin zu einem Hochschulklima zu fördern, in dem sich Juden und Jüdinnen gesehen und sicher fühlen können. Diese Forderungen gilt es ernst zu nehmen, auch wenn manche etwas zugespitzt formuliert sein mögen. Darüber hinaus sollten Mitarbeitende und Dozierende der Hochschulen geschult werden, Antisemitismus zu erkennen und kompetent darauf zu reagieren.
Besonders wichtig ist es jedoch, Studierende gegen Antisemitismus zu sensibilisieren. Mit dieser Intention wurde an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg zum Wintersemester 2023/24 unter Führung der Abteilung Geschichte das in dieser Form bisher einzigartige Studienprofil Antisemitismuskritische Bildungsarbeit ins Leben gerufen. Studierende setzen sich im Rahmen dieser Zusatzqualifikation in drei Modulen mit den historischen und aktuellen Erscheinungsformen von Antisemitismus auseinander, erlernen Kompetenzen im Umgang für den späteren beruflichen, aber auch für ihren persönlichen Alltag und befassen sich mit jüdischem Leben. Die Studierenden, überwiegend angehende Lehrkräfte, wirken so über die Hochschule hinaus als Multiplikatoren von antisemitismuskritischen und demokratischen Haltungen.
Das Studienprofil vertritt einen interdisziplinären Ansatz und arbeitet mit verschiedenen Instituten der Hochschule zusammen. Nur durch diese Herangehensweise kann man der Komplexität dieses Themas gerecht werden. In einer interdisziplinären, internationalen und interreligiösen stattfindenden Ringvorlesung bringen in jedem Wintersemester Gastvortragende ihre Expertise ein. Kulturelle Veranstaltungen wie Filmvorführungen, Podiumsdiskussionen und zuletzt eine Diskussion mit dem jüdischen Comedian Oliver Polak ergänzen das Angebot. Durch Kooperationen mit Schulen des Großraums Stuttgart erreichen diese Veranstaltungen auch Schüler und Schülerinnen.
Von diesem Studienprofil profitieren allerdings nicht nur Studierende, sondern auch bereits aktive Lehrkräfte, für die die Ringvorlesung als Fortbildung über das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) Stuttgart geöffnet ist. Über eine Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Ludwigsburg hat auch die Öffentlichkeit die Möglichkeit, an der Ringvorlesung teilzunehmen. Ein solcher Ansatz zeigt, wie Hochschulen Verantwortung übernehmen und sich klar gegen Antisemitismus positionieren können.
[1] Monika Schwarz-Friesel: Toxische Sprache und geistige Gewalt. Wie judenfeindliche Denk- und Gefühlsmuster seit Jahrhunderten unsere Kommunikation prägen. Tübingen 2. Auflage 2025. S. 10.
[2] Vgl. Johannes Sosada: Gebildeter Antisemitismus an Universitäten in Deutschland. Orte der Toleranz? Baden-Baden 2025. S. 65.
[3] Vgl. ebd., S. 305.